Auch, wenn wir momentan gerade nicht auf dem Turnier unterwegs sind, läuft die Arbeit zuhause ganz normal weiter.

Bedingt durch Nina`s Job, der vor allem auch am Wochenende viel Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, die anhaltende Hitze, die uns so irgendwie gar nicht aufs Turnier lockt und eine sich ausbreitende Faulheit meinerseits, findet man uns gerade eher zuhause auf dem Platz, als auf dem Turnier.

So können wir unseren Zeitplan dem Wetter anpassen, wir können jeden Tag entscheiden wer wen oder was reitet und es gibt noch ein Leben nebenher. Ich glaube ich bin die letzten 10 Jahre nicht so viel zuhause gewesen und habe nicht halb so viele Bücher gelesen wie jetzt gerade.

Und nebenbei schreibe ich ja auch noch ein paar Blogs für euch.

Vor kurzem hat irgendjemand unter einem von Nina`s Bildern kommentiert, dass das Dressurreiten sehr wichtig sei. Äh ja, das wissen wir.

Nur, weil Nina momentan nicht im Dressursattel auf den Turnieren unterwegs ist, heißt das ja nicht, dass wir nicht zuhause unsere Pferde dressurmäßig arbeiten.

Im Gegenteil. Wir reiten beide eigentlich auch gerne Dressur, das macht uns durchaus auch Spaß.

Aber das Ganze auf dem Turnier zu zeigen ist halt noch mal ne andere Sache. Es sind halt einfach doch Springpferde. Wir haben keinen Mitteltrab, der uns dabei hilft, vielleicht den ein oder anderen kleinen oder größeren Patzer vergessen zu machen.

Wir müssen unsere Pferde im Viereck 100% korrekt vorstellen, sonst sind wir ganz weit weg.

Wenn man einfach entweder den Springpferdeflow von Calle hat oder eben die Schiefe und die leider nicht angeborene Bergauftendenz von Ginny, dann ist es echt schwer im Viereck gegen Pferde, die dafür gezüchtet wurden Dressur zu gehen, anzureiten.

Das klappt das ein oder andere Mal, aber oft eben auch nicht.

Ich für mich habe entschieden, dass ich trotzdem aufs Turnier fahre, weil ich eben auch mal gerne Turnier reite und eben nicht mehr die Möglicheit habe zu springen. Also bleibt mir ja nur, mit dem zufrieden zu sein, was ich eben habe, oder ganz zuhause zu bleiben.

Nina hat sich fürs Springen entschieden, turniermäßig beides zu reiten wäre zeitlich gerade nicht möglich.

Wir haben bei Ginny ja schon lange den Plan geändert.

Unser Motto ist: Alles kann, nichts muss.

So haben wir sie seit ihrer Auszeit eigentlich zuhause auf dem Niveau eines fünfjährigen geritten. Ich bin tatsächlich mit ihr zwar ein paar L-Dressuren geritten, habe aber die Lektionen nie zuhause geübt. Das war immer etwas schwierig.

Ginny ist nämlich auf dem Turnier anders als zuhause. Auch, wenn sie manchmal  noch eskaliert, was sie zuhause aber auch tut, so ist sie in der Turnieratmosphäre deutlich motivierter, geht besser vorwärts und klemmt weniger als zuhause im Training.

Deshalb war daheim meist nur leichttraben und irgendwie locker vorwärts reiten angesagt und auf dem Turnier hat man die Lektionen, die sie ja eigentlich kann, nur noch abgerufen.

Aber seit einiger Zeit verändert sich Ginny.

Sie baut Muskulatur auf, sie ist arbeitsbereiter und man beginnt doch tatsächlich auch zuhause mal ernsthaft zu arbeiten.

Einfache Wechsel, Übergänge, Halten, Rückwärtsrichten, Seitengänge, das alles waren Sachen, die man irgendwie immer umgangen ist.

Ich kann nicht mehr sagen, wann der Punkt kam, ich glaube irgendwann im Frühjahr, wahrscheinlich hängt das auch mit einer Futterumstellung zusammen, die ihr anscheindend sehr gut bekommt.

Anscheindend haben wir die richtige Futterkombi gefunden, die ihr Kraft gibt, aber sie nicht gaga macht.

Man merkt schon deutlich, dass Ginny sich vom schmalen Hemdchen, die man immer dazu überreden musste, wenigstens ein bisschen ihr Köpfchen selbst zu tragen, zu einer selbstbewussten, kraftvollen Diva entwickelt.

Ja, eine Diva ist sie immer noch, das wird sie wohl auch immer  bleiben. Aber eine Diva, die arbeiten will.

Schon beim ersten Zügel aufnehmen im Schritt merkt man wie die Halslinie einem nach oben entgegenkommt, wie sie selbt die relative Aufrichtung sucht, und wie sie aus der Möglichkeit, sich vorne mehr zu tragen, deutlich mehr aus der Hinterhand arbeitet. Und zwar von selbst.

Als Reiter muss man das nur annehmen. Sich selbst groß machen, drauf achten, dass man nicht nach vorne kippt, einfach raus aus der Remontenreiterei, die wir so lange mit ihr gemacht haben. Manchmal muss man sich da selbst daran erinnern.

Auch können wir sie jetzt langsamer reiten. Sonst mussten wir immer sehr viel über das überhöhte Grundtempo machen, weil man immer das Gefühl hatte, dass sie klemmt und stehen bleibt, wenn man nicht Gas gibt.

Jetzt fängt sie an, von  hinten nach vorne durch den Körper zu arbeiten, die Rückenlinie mit zu benutzen und dadurch wieder in der Halslinie aufrechter zu werden. Das ist ein gutes Gefühl. Das fühlt sich nach Kraft an. Kraft, die von Ginny ausgeht. Kraft, die sie bisher nie hatte. Man merkt richtig, wie sie, wenn man sie etwas mehr schliesst, nicht mehr zu macht und ängstlich wird, sondern, wie sie einfach mehr abfußt, ohne schneller zu werden, mehr Last aufnimmt und das schon immer länger so tragen kann.

Wie gesagt, Ginny ist kein Pferd, dem die Bergauftendenz angeboren ist. Sie muss sich das alles ganz hart erarbeiten. Beim freilaufen oder longieren ist an bergauf im Galopp noch nicht zu denken, das kann sie einfach noch nicht. Aber unter dem Reiter, wenn man ihr ein bisschen hilft, dann wird das schon immer besser und sicherer.

Man muss aber trotzdem immer wahnsinnig aufpassen, dass man nicht zuviel verlangt oder zuviel annimmt, was sie vielleicht gerade anbieten möchte. Es ist ein ständiges Wechselspiel zwischen zurückkommen lassen, Spannung aufbauen, die Spannung kurz halten, aber dann auch wieder ganz bewusst, die Tritte oder Sprünge verlängern, damit die Spannung nicht in Verspannung umschlägt. Das ist ein ganz schmaler Grad. Dann wird plötzlich der Hals kurz, die Hinterhand hüpft, anstatt durchzuspringen und im nächsten Moment ist Eskalation angesagt.

 

Dieser ständige Wechsel, einerseits schon das, was sie gerade anbietet anzunehmen, gleichzeitig aber auch schnell zu fühlen, wann es ins Gegenteil umschlägt ist eine Herausforderung, die Spaß macht, aber auch höchste Konzentration voraussetzt.

Auf das Turnier könnten wir das sowieso noch nicht umsetzen da sie da, gepaart mit ihrer Turniermotivation zu schnell “über die Uhr” wäre. Deshalb ist es gerade besser, das in Ruhe zu üben, sie aber nicht mit einem Turnier zu konfrontieren. Eigentlich wäre das, was wir gerade machen eine schöne Winterarbeit, aber im letzten Winter war sie noch nicht so weit. Jetzt scheint der richtige Zeitpunkt zu sein und so festigen wir das gerade und stellen das Turnierreiten hinten an.

Nebenbei sind wir gerade dabei ihre Schiefe mit viel Schulterherein und Seitengängen zu regulieren. Auch daran war bisher nicht ernsthaft zu denken. Ich habe das selbst mal ohne Reiter am Langzügel probiert und selbst da ist sie schon eskaltiert und hat mir mit den Vorderbeinen vor der Nase rumgewedelt. Damals dachte, ich, ok, das wird nie gehen.

Aber manchmal muss man vielleicht auch einfach nur den richtigen Zeitpunkt abwarten. De Zeitpunkt haben aber nicht wir als Reiter bestimmt, sondern den hat sie sich selbst ausgesucht. Irgendwann hat man einfach gemerkt, das könnte gehen und auch das nehmen wir jetzt vorsichtig an, fördern und motivieren sie wo wir können und sind jeden Tag wieder ein bisschen erstaunt darüber, was da vielleicht noch draus werden könnte, wenn wir bereit sind nicht aufzugeben, zu warten und das Tempo des Pferdes mitzugehen.

Wir sind durchaus gespannt, wohin wir uns mit unserer Diva noch entwickeln werden, vorausgesetzt, sie bleibt gesund.

So einen kleinen Hüpfer am Ende kann sie sich noch immer nicht verkneifen, aber wenn wir ehrlich sind, freuen wir uns immer noch über jedes Lebenszeichen von ihr. Und da darf sie auch mal über den Platz hüpfen, solange sie sich nicht reinsteigert und sich dann selbst vergisst. Aber auch das haben wir ganz gut im Griff. Sie weiß schon, bei Nina darf sie mehr hüpfen, bei mir weniger, so ergänzen wir uns mal wieder. Ginny kann das glaube ich ganz gut unterscheiden.

 

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