Aber manchmal muss einfach die Vernunft siegen

 

Immer wieder begegnen mir im Stall junge Mädchen, die davon träumen Pferdewirt zu werden.

Manche davon kommen gerade mal  zur Reitstunde in den Stall, und sind danach sofort wieder verschwunden. Die Mädels wie uns früher, die jedes Wochenende von morgens bis abends da sind, die wissen, was eine Heu,- und Strohernte bedeutet, die keine Ahnung wie oft, unzählig viele Pferde für die Besitzer geputzt, gesattelt und versorgt haben, nur, um mal 5 min. trockenreiten zu dürfen, die,wenn die Pfleger frei hatten oder krank waren auch mal den kompletten Stall gemistet und den Mist  noch von Hand gestapelt haben,  die findet man heute  nur  noch selten.

Ich will jetzt nicht unbedingt den alten Satz daherbringen, der uns immer eingetrichtert wurde: „ Reiten lernt man nur durch fegen“, aber ich denke immer noch, es hat uns auf unserem Weg nicht geschadet zu wissen, was eigentlich so alles im Hintergrund passiert, damit das ganze Pferdeleben überhaupt möglich ist.

Dementsprechend wussten wir auch, auf was wir uns mit unserer Berufswahl einlassen.

Wenn man sich für den Beruf des Pferdewirts entscheidet, bedeutet das nicht nur eine Berufswahl, sondern die Wahl, wie man in Zukunft lebt.

Das ist nämlich kein Beruf,  dem man von 8-5 arbeiten geht um Geld zu verdienen, das man dann in seiner großzügigen Freizeit mit geregeltem Urlaub, Feiertagen, Wochenenden usw. wieder ausgibt.

Wer sich für diesen Beruf entscheidet, entscheidet sich für ein Leben als Pferdewirt, und zwar immer.

Wenn du wirklich davon leben können willst, dann musst du tagsüber deine Berittpferde reiten, zwischendurch alles erledigen, was rund ums Pferd anfällt, für was der Besitzer, weil er ja arbeiten ist, keine Zeit hat.

Das sind z.b. Vorstellungen beim Tierarzt, Hufschmied oder sonstigen Therapeuten, die tagsüber kommen. Das heißt, dass alle Pferde aus,- und umgedeckt werden müssen, eventuell muss noch der ein oder andere in die Führmaschine oder auf den Paddock/ die Koppel.

Es gibt viel zu tun, rund ums Pferd und wir sind Dienstleister. Das muss klar sein.

Termine lassen sich auch nicht so einfach planen, weil sich die wenigsten Pferde an unseren Plan halten.

Oft hat man ja Pferde in Beritt, deren Besitzer  noch nicht so erfahren sind und dementsprechend auch betreut werden müssen.  Von dem her sollte man immer als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Wenn man da ist, sowieso, aber auch, wenn man mal nicht im Stall ist, dann hat man das Handy in der Regel griffbereit. Die Pferde richten sich ja schließlich nicht nach unserem Feierabend, oder unserem Urlaub, wenn sie eine Kolik haben, sich verletzen oder einfach nur komisch sind, und der Besitzer einen Rat braucht.

Für den Unterricht der Besitzer oder auch Turniervorstellungen sind natürlich die Abende, die Feiertage und die Wochenenden verplant. In jedem anderen Beruf hat man, wenn man das Wochenende gearbeitet hat eben anderen Tage frei. Bei uns nicht. Schließlich wollen  und müssen die Pferde unter der Woche trainiert werden, damit es überhaupt aufs Turnier geht. Und das machen wir eben nun mal gern selbst und nicht die nette Kollegin.

Da sind wir ja eigen. Abgeben möchten wir ja auch nicht gerne.

Wenn man sich aber darüber im Klaren ist und all diese Punkte abnicken kann und von sich selbst sagen kann. „Das will ich so, das ist mein Leben“, dann kann man den Beruf des Pferdewirtes anstreben.

So habe ich das gemacht.

Über 25 Jahre bin ich jetzt im Beruf.

25 Jahre, in denen ich viel gelernt, viel erlebt und viel kennenlernen durfte. Gute Zeiten, sowie schlechte Zeiten. Aber das gehört dazu.

Jeder hat mal so seine Saure-Gurken-Zeit, manchmal bricht z.b. wenn du dich mit dem Stallbesitzer in die Wolle bekommst, deine komplette Existenz zusammen, die baust du dir mühsam woanders wieder auf.

Als Pferdewirt ohne eigene Anlage ist das Leben noch einen Tick schwieriger. Klar haben wir das Glück, nicht die Verantwortung für das Stallmanagement zu haben, aber wir sind halt auch deutlich abhängiger von anderen. Aber egal, das ist ein eigenes Thema.

Auf was ist eigentlich raus will, ist, meine eigene Situation.

Was passiert, wenn man durch einen Unfall, wie ich ihn hatte, seinen Beruf nicht mehr ausüben kann oder soll?

Den Beruf aufzugeben heißt gleichzeitig, sein bisheriges Leben aufzugeben.

Schließlich war man bisher 7 Tage die Woche/ 365 Tage im Jahr/ 24 h am Tag erreichbar, abrufbar und bereit ins Auto zu sitzen und loszufahren, wenn man gebraucht wurde.

Und plötzlich ist man nicht mehr zu gebrauchen.

Da können die Tage ganz schön lang werden.

Und schon allein deshalb war ich damals mehr als nur froh, als die Ärzte nach meinem Unfall zu mir gesagt haben, das ist zwar jetzt im Moment eine echt knifflige Situation und Sie werden viel Geduld brauchen, aber wir bekommen das hin.

Sie werden wieder ganz normal arbeiten können.

Dafür bin ich Ihnen heute noch mehr als nur dankbar.

Diese Aussage hat mich relativ locker über die ersten drei Monate gebracht.

 

Schon nach relativ kurzer Zeit konnte ich mit der Hilfe meiner Familie wenigstens wieder stundenweise im Stall auftauchen, wenigstens ein bisschen Pferdeluft schnuppern, meine Leute sehen, die mir immer wieder Mut machten.

Aber den brauchte ich gar nicht, den hatte ich ja.

Schließlich waren die Ärzte guter Dinge, ich konnte noch auch meinen eigenen Beinen laufen, alles gut also.

Wenn man bedenkt, wie es hätte Enden können hatte ich ein riesen Glück.

Für mich war klar, das wächst jetzt zusammen und dann machst du noch ein bisschen Krankengymnastik und dann ist alles wieder gut.

Die Zeit muss man halt überstehen, finanziell, sowie nervlich, aber mit so einer positiven Prognose war das kein Problem.

Tatsächlich erlaubte mir mein Arzt nach gut 3 Monaten, dass ich wieder reiten darf.

Das war super. Reiten hieß natürlich nicht Beritt oder gar runterfallen.

Reiten hieß, auf Calle zu sitzen ( wenn er gut im Training und ausgeglichen ist) und eine Runde Schritt zu reiten.

Schon das reichte mir aus, einfach nur zu wissen, bald geht das wieder.

Und es ging tatsächlich.

Ich denke auch durch meine positive Stimmung, das Gefühl, den Unfall locker wegzustecken und bald wieder on top zu sein, ging meine Heilung super schnell voran, ich war vollkommen schmerzfrei und nach der Reha, in der ich alle Therapeuten überrascht habe, war ich auf Wolke 7.

Es ging alles wieder. Reiten, laufen, unterrichten, ich war wieder da.

 

Einfach nur, um mir selbst zu beweisen, dass ich es wieder schaffen kann, habe ich mir sogar Calle geschnappt und bin eine L-Dressur geritten.

Nicht gut, aber egal, das waren so kleine Sachen, die mir Auftrieb gegeben haben, die ich gebraucht habe um mich zu bestätigen und das tat so gut. Zu wissen, dass man es noch kann.

Die Zeit bis zur Metallentfernung brachte ich in Hochstimmung hinter mich.

Vorsichtshalber wartete man ein bisschen länger damit, man wollte ja nichts riskieren. Diese Zeit war egal.

Es ging hier nicht um einen Monat mehr oder weniger Geduld.

Es ging nicht um einen weiteren Monat in dem ich noch aufpassen musste, nichts riskieren durfte, weil ein Sturz mit dem Metall im Hals natürlich fatal gewesen wäre.

Es ging nur darum, dass bald alles wieder seinen normalen Weg gehen wird.

So war der Plan.

Inzwischen hatten wir uns ja auch wieder ein bisschen sortiert, Ginny war von der Koppel wieder da, Nina trainierte sie an, da ich sie mit dem Metall noch nicht geritten habe.

Aber ich freute mich auf die Zeit nach der Metallentfernung, wenn ich mein Herzenspferd wieder selbst reiten könnte und auch meine Berittpferde wieder komplett selbst reiten kann.

Viele Kunden waren mir über die Zeit erhalten geblieben, einerseits weil die Kunden mit meiner Hilfe viel selbst gemacht haben und anderseits auch durch die reiterliche Hilfe von Nina, die in der Zeit, viel übernommen hat, was ich selbst nicht konnte.

Und nun, nach fast einem Jahr sollte es soweit sein.

Ich hüpfte fast ins Krankenhaus, freute mich auf die OP, so dass die Schwestern nur den Kopf schüttelten.

Wer freut sich schon auf eine OP? Ich schon, sollte diese ja das Ende von fast einem Jahr Geduld sein.

Soweit so gut.

Leider kam es anders.

Als ich aufwachte, wollte ich meinen Kopf bewegen.

Ich dachte ja, wenn das Metall, das alles festhält raus ist, dann kannst du wieder wie jeder andere den Kopf schütteln, sehen wer neben oder hinter dir läuft und den Kopf drehen, ohne den ganzen Körper drehen zu müssen.

Fehlanzeige. Der Kopf saß fest. Fester als zuvor. Das war vielleicht eine Enttäuschung.

Aber man machte mir Mut. Das war eine große Operation, das dauert eben.

Ok. Enttäuschung runterschlucken, und ab in die Krankengymnastik.

Stehen Sie mal aufrecht hin, war die Ansage.

Ja, ok mach ich, also würde ich gerne machen. Geht aber nicht.

Der Kopf stand gefühlte 20cm nach vorne ungefähr wie bei E.T.

Der Kreislauf versagte, ich musste mich setzen. Uff, das hatte ich mir aber anders vorgestellt.

Was für eine Enttäuschung. Hatte ich zu große Hoffnungen gehabt? Bin ich zu ungeduldig?

Ich wusste es nicht. Die Krankengymnasten auch nicht.

Die Röntgenbilder waren super. Innerlich war also alles gut.

Aber die Muskulatur war so verhärtet und versteift, dass sie keine normale Bewegung zuliess.

Also gut, abwarten, Geduld, irgendwann wird sich die Muskulatur schon beruhigen und nachgeben.

Einfach mal nichts machen. Einfach warten. Wenn das mal so einfach wäre.

Das Leben rund um einen geht weiter, jeder erwartet von dir, das du jetzt wieder voll einsatzfähig bist, du selbst würdest dir nichts sehnlicher wünschen und merkst trotzdem, es geht einfach nicht. So sehr du es auch willst.

Und du kannst nichts tun.

Die nächsten 4 Monate waren rückblickend und auf Deutsch ausgesprochen: EKELHAFT

Zu wollen, zu sollen und eigentlich auf zu müssen ( das Leben gibt es ja nicht geschenkt), und gleichzeitig zu merken, nicht zu können und nicht zu wissen, warum, das nagt. )

Am Selbstbewusstsein, an den Nerven, an der Laune, einfach an allem.

Irgendwann dann wurde endlich der Grund gefunden.

Ich hatte mich gar nicht blöd angestellt, es gab tatsächlich einen Grund für meinen Zustand.

Der kleine Grund, der mich fast komplett ausgeschaltet hatte, war ein Keim.
Der hatte sich bei mir eingenistet. In meiner Rückenmuskulatur, in meinen Wirbeln und damit hat er den Körper praktisch ausgeschaltet.

Aber dem konnte man zu Leibe rücken. Der musste raus, dann wird alles wieder gut.

Ok, ich habe wieder mein Köfferchen gepackt, der Krankenhausaufenthalt sollte diesmal länger werden. Erst musste man dem Keim zu Leibe rücken, dann musste Antibiotika für mich arbeiten um ihn wirklich zu entfernen. Die angefressenen Wirbel wurden gekürzt, die Muskulatur sauber zurechtgeschnitten und nach ein paar Tagen wieder zusammengenäht.

Aber jetzt, jetzt musste es doch gut werden.
Eineinhalb Jahre waren inzwischen seit dem Unfall vergangen.

Eineinhalb Jahre, bestehend aus Hoffen, Geduld, Training, immer weitermachen, nie aufgeben, Verbesserung, Verschlechterung – kurz gesagt- ein unglaubliches Wechselbad der Gefühle.

 

 

Diesmal starteten wir noch vorsichtiger.

Ich war auch nicht mehr so euphorisch wie beim ersten Mal. Die Ansprüche wurden kleiner.

Ich träumte nicht mehr davon, bald wieder meine Pferde springen zu können, wie noch nach der Metallentfernung.

Ich träumte nicht mehr davon mit Nina wieder durchs Gelände zu galoppieren oder hoffnungsvolle 3-jährige auszubilden.

Das alles hatte ich im Kopf schon abgehakt. Für mich galt erstmal nur, wieder schmerzfrei zu werden.

Mich einigermaßen geschmeidig bewegen zu können und den Panzer im Rücken, der so unangenehm ist, einfach wieder loszuwerden.

Also ging es wieder los.

Halskrause zur Stabilisierung. Nichts heben, andere Leute für einen arbeiten lassen, unter ständiger Beobachtung stehen, ob man auch nichts falsches macht, sich spazieren fahren zu lassen, völlig unselbständig zu sein.

Egal, es konnte ja nur noch besser werden.
Jetzt musste es doch funktionieren.
Noch ein Anlauf.

Und wieder alles von vorne: Krankengymnastik, ständige Nachuntersuchungen, und die Aussage: „Jetzt ist aber alles gut, sie können wieder arbeiten „

„Yeah, das wollte ich hören!“

Also habe ich wieder angefangen.

Meinen Kunden gesagt, Leute, danke für eure Geduld mit mir, ich bin jetzt wieder da.

Trotzdem war klar, dass ich noch vorsichtig sein muss. Also habe ich sortiert.

Bockende Pferde wurden zu anderen Bereitern geschickt, das wollte ich nicht mehr haben.

Die Besitzer der braven Pferde mussten sich entscheiden, ob sie mich weiterhin haben wollen, auch, wenn ich die Pferde nicht aussitzen kann und auch nicht länger als 20 min reiten kann.

Das Springen übernahm weiterhin Nina und Gelände oder alles, was gefährlich war, war gestrichen.

Wenn mir der Platz oder die Halle zu voll war bin ich ausgewichen, entweder irgendwohin, wo mehr Ruhe ist oder alternativ in die Longierhalle.

Mein Gott was wurden meine Pferde longiert, das sind jetzt alles Longenprofis.

Ich habe versucht, mehr zu unterrichten, weniger zu reiten.

 

Das ging über den Sommer auch ganz gut, als es warm war. Die Ponygruppe und ich hatten Spaß, die Mütter wussten Bescheid und halfen, wo sie konnten.

Abäpfeln, Kinder führen, Kinder aufs Pferd heben usw. das alles machten meine tollen Muttis. Ich musste nur da sein und sprechen.

Ich war zwar in dieser Zeit nie schmerzfrei, aber es war auszuhalten und man hatte ja immer im Hinterkopf, dass man eben Geduld braucht, das war eine große OP, das dauert.

Geduld, dieses Wort konnte ich nicht mehr hören. Das sagt sich immer so einfach für alle Außenstehenden. Für den Betroffenen ist es eine Katastrophe.
Wenn man wenigstens wüsste, wie lange man Geduld haben muss. Aber das kann einem keiner sagen.

Das Schlimme ist, das alles wird ja vom rumsitzen nicht besser.

Es ist ja nicht damit getan, sich einfach aufs Sofa zu setzen und zu warten, bis alles wieder gut ist.

Muskulatur wird ja nicht beweglicher, wenn man sie nicht benutzt. Im Gegenteil. Das wird alles so hart und fest, dass man nicht mal mehr sitzen, stehen oder liegen kann. Das geht ja noch weniger.

Also ging es wieder zum Arzt. Diesmal zu einem anderen. Eine zweite Meinung kann ja nicht schaden.
Der hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

„Wie, Sie reiten? Das geht doch gar nicht“

„ Wieso, sagte ich, das geht schon, nicht mehr so, wie es mal ging, aber für den Freizeitbereich reicht es noch und es tut auch gut. „

Das ist jetzt schwer zu erklären. Viele sagen, bleib doch einfach unten, ist doch viel zu gefährlich.

Ja, das weiß ich und so versuche ich auch, die Gefahr zu minimieren.

Aber es tut halt einfach auch gut. Dem Kopf, der Seele und auch dem Körper. Im richtigen Rahmen natürlich, das ist ja klar.

Wir reden hier nicht mehr von sportlichen Höchstleistungen.

Wenn Ginny albern wird, steige ich ab. Wenn es um mich rum unruhig wird, halte ich an oder verlasse den Platz.

Wenn es eine schwierige Situation gibt, stelle ich mich ihr nicht mehr, sondern schließe einen Kompromiss. Wenn ich merke es geht heute nicht, wird longiert anstatt geritten.

Und wenn gar nichts geht, mache ich gar nichts.

Aber anderseits tut es eben auch gut. Ich merke deutlich die Tage, an denen ich nicht reite.

Reiten im Sinne von locker reiten, leichttraben, auf Pferden, die nicht am Zügel ziehen, die nicht auf der Hand liegen, die keine verrückten Bewegungen machen.

Das locker reiten ist gut und führt auch bei mir zu mehr Beweglichkeit.
Das hat auch mein Arzt eingesehen.

Ich habe die offizielle Erlaubnis „Reiten zu therapeutischen Zwecken, ohne große Zugbelastung der Rückenmuskulatur auf braven Pferden ohne Sturzgefahr.

Soweit der neue Plan.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Und gleichzeitig ging es wieder los mit Krankengymnastik.

Seit dem Herbst letzten Jahres sieht man mich regelmäßig im medizinischen Fitnessstudio.

Ich dachte, wenn ich ordentlich trainiere, die richtige Muskulatur stärke, die Schwache aufbaue, dann muss das doch wieder werden.
Wäre doch gelacht, wenn man so ein bisschen Muskelmasse nicht wieder in Schwung bringen könnte mit dem richtigen Training geht das doch sicher, man muss halt nur wollen.
Und so sieht man mich seit fast einem Jahr regelmäßig im Studio.

Mein Arzt hat das sehr begrüßt, hat mir aber auch letztes Jahr schon gesagt, dass ich ehrgeizig bleiben soll, aber mich auch damit abfinden soll, dass ich mit all meinem Ehrgeiz, den Zustand zwar stabilisieren kann, er also nicht so schnell schlechter wird, er aber nicht wirklich eine Chance sieht, dass er sich nochmal verbessert.

Ich soll zufrieden sein, mit dem, was ich noch kann und immer dran denken, dass das Ganze auch im Rollstuhl hätte enden können.
Ich habe ihm damals noch nicht geglaubt.

Ohne es wirklich mit Training probiert zu haben, wollte ich nicht kapitulieren.

Ich habe mir selbst ein Ziel gesetzt.

Ich wollte es schaffen. Ein Jahr Zeit habe ich dafür angesetzt. Wenn ich es innerhalb eines Jahres nicht schaffen würde schmerzfrei und beweglich zu werden, dann würde ich es einsehen.

Lange Rede, kurzer Sinn.
Das Jahr ist rum.

Ich habe es nicht geschafft.

Es hat sich nichts geändert. Ich kann ein bisschen reiten, ein bisschen unterrichten, aber ein bisschen reicht nicht aus, um davon leben zu können.

Die Schmerzen sind mal besser, mal schlechter, aber immer da. Die gehören jetzt zu mir. Das ist so. Punkt. Egal was ich mache, also kann ich auch reiten.

Zudem ich den Zustand, wie er seit einem Jahr und jetzt immer noch ist, nur halten kann, wenn ich genauso ehrgeizig weitertrainiere. Wenn ich aufhöre wird es schlechter.

Von dem her musste ich mich jetzt ernsthaft hinsetzen und nachdenken, wie es weitergehen wird.

Irgendwann muss es ja wieder eine Linie, ein Ziel geben. Das Ziel, wieder voll in meinem Beruf zu arbeiten gibt es definitiv nicht mehr. Ich kann froh sein, das machen zu können, was ich gerade mache. Das reicht mir ab er nicht.

Nicht finanziell und auch nicht vom Kopf. Man will ja was leisten im Leben.

Vom Prinzip werde ich erst mal so weitermachen  wie diese ganze Jahr jetzt auch. Seit der Ansage des Arztes letzten Herbst habe ich das Pensum deutlich runtergeschraubt. Dieses Pensum werde ich wohl hoffentlich halten können.

Die Team Kaupp Pferde, die ich bisher geritten habe, werde ich auch weiterhin reiten können, die sind alle brav, die trachten mir nicht nach dem Leben und meine Besitzer wissen, dass ich immer genau das mache, was ich kann, nicht mehr und nicht weniger und vertrauen mir ihre Vierbeiner an.
Und ganz aufgeben würde heißen mein Leben aufzugeben, das wäre zwar ungefährlicher, aber dann bleibt mir nichts mehr.

Auch die dazugehörigen Team Kaupp Reiter werden weiterhin ihren Unterricht bekommen. Die ein oder andere halbe Stunde mit Funk auf der Bande zu sitzen, im Winter warm eingewickelt, um die Muskeln warm zu halten, sollte möglich sein.

Was nicht mehr geht sind Gruppenstunden. Die Ponygruppe habe ich längst abgegeben, auch die Springstunden.

Eine Zeitlang ging das, dass ich mit vielen Helfern gearbeitet habe, die alles gemacht haben, was ich selbst nicht kann, aber eigentlich ist das meine Aufgabe. Ich kann nicht dauerhaft von den Eltern erwarten mich zu unterstützen und deshalb dürfen das jetzt andere machen, die das noch richtig können.

Aber das alles reicht natürlich nicht zum Leben. Wäre ja schön, wenn man mit zwei bis drei Stunden Arbeit am Tag überleben könnte, aber das geht wohl den wenigsten so.

Und so ist für mich klar.
Ein voller Wiedereinstieg in meinem Beruf ist unmöglich, und es muss Plan B geben.
Den gibt es auch, das ist aber noch nicht reif, um es zu erzählen.

Jetzt war es erstmal wichtig für mich, das Ganze hier aufzuschreiben, damit ich tatsächlich realisiere dass ich den Beruf des Pferdewirtes nach und nach an den Nagel hänge und aussteige.

Diese Erkenntnis muss man ja erst mal haben, um überhaupt über Alternativen nachzudenken.

Die Pferde, die jetzt aus dem Beritt gehen ( wie z.B. Knisti der verkauft wurde )sind weg und werden nicht mehr ersetzt werden können, außer sie sind wieder so dottelbrav wie meine jetzigen, aber das ist ja als Berittpferd nicht die Regel.

Ein bisschen Freizeitreiten werde ich mir noch erhalten, aber ich werde nicht mehr aufstocken.
So ist das, das ist für mich selbst am schwierigsten einzusehen, aber es muss sein.

Das alles soll jetzt aber nicht wie Gejammer rüberkommen. Dazu gibt es keinen Grund.

Ich bin immer noch da, ich mache, was eben möglich ist und habe Spaß daran. Es hätte alles schlimmer kommen können und die Zeit in der Reha mit vielen anderen Patienten hat mir gezeigt, wie man mit seinen Schwächen, die wir dort alle hatten, am Besten umgeht.

Ich musste das jetzt nur alles mal für meinen Kopf aufschreiben, die Gedanken nochmal sortieren, und da ich ja auch die ganze Zeit das schon alles mit euch geteilt habe, werde ich auch diese Gedanken mit euch teilen, weil sie zu mir gehören und zu meinem Leben mit den Vierbeinern, um das es hier geht.

Jetzt geht es erstmal in den Herbst, den ich noch voll dem Training und der Krankengymnastik widmen werde, bevor es ab Januar hoffentlich eine neue Aufgabe für mich gibt, in der ich mir ein Ziel setzen und den langsamen aber sicheren Ausstieg aus meinem geliebten Job vorbereiten kann.

Das alles wird sich dann noch rund zwei Jahre hinziehen, bis ich hoffentlich die neue Aufgabe mit meinem ursprünglichen Job verbinden kann und finanziell sowie seelisch wieder auf einem sicheren Gerüst stehe, das dann für den Rest meines Berufslebens ausreichen sollte.

 

Schreiben Sie einen Kommentar