Heute ist in der Basiswissenreihe die Lösungsphase an der Reihe.

Das ist ein Thema, da muss ich aufpassen, dass der Blog nicht am Ende 5000 Wörter lang wird und ich ohne Ende schreibe.

Ich werde versuchen, mich auf das Wichtigste zu beschränken.

Bevor ich aber anfange, habe ich versucht euch die Skala der Ausbildung, die euch euer gesamtes Reiterleben lang begleiten wird darzustellen und habe dabei den Teil hervorgehoben, um den es heute geht, nämlich die Basis.

Die Lösungsphase steht am Anfang jeder Arbeitseinheit mit dem Pferd. Wie lange eine Lösungsphase dauert, hängt vom Pferd, von der Tagesform und vielen weiteren Faktoren ab. Meistens hat man gerade bei jüngeren und älteren Pferden eine längere Lösungsphase, die teilweise auch einfach eine komplette Reiteinheit ausmacht.

Bei gut ausgebildeten Pferden sollte sich der zeitliche Rahmen der Lösungsphase deutlich verkürzen, damit man die Pferde nicht schon beim lösen müde macht.

Am Ende der Lösungsphase sollte der Reiter das Gefühl haben zum Treiben zu kommen, und das Pferd vor sich zu haben. Das Pferd sollte  mit pendelndem Schweif  aus dem Hinterbein heraus über die Rückenlinie schwingen, dabei in jede Richtung beweglich sein, den Hals nach vorwärts-abwärts fallen zu lassen ohne dabei auf die Vorhand zu kommen.

Die Anlehnung ist zufrieden, mit geschlossenen kauendem Maul und geht dann aus dem vorwärts-abwärts in die relative Aufrichtung über.

So der Plan 🙂

Egal, ob an der Longe, beim Dressurreiten, beim Springen oder im Gelände, lösen müssen wir immer.

Die Lösungsphase sorgt dafür, dass die Muskulatur des Pferdes warm und beweglich wird und den Anforderungen, die im Laufe der Arbeit gestellt werden standhalten kann.

 

Ich bin da wohl momentan selbst das beste Beispiel dafür.

Ich kann  im Laufe des Tages meinen Hals immer besser bewegen, wenn ich gleich morgens die richtige Gymnastik mache, und auch über den Tag hinweg immer wieder dranbleibe, dass die Muskulatur sich nicht wieder zusammenzieht und dadurch unbeweglich wird.

Witzgerweise wird das alles durch Ruhephasen nicht besser, sondern schlechter. Ich habe also am eigenen Leib lernen dürfen, dass man Muskulatur immer wieder aufs Neue lockern muss, um die Leistungsfähigkeit herzustellen und zu erhalten.

Wenn ich  mich nicht immer wieder lockere bin ich nicht in der Lage bestimmte Bewegungen auszuführen oder Leistung zu bringen. Auch würde ständig wieder die Gefahr von Muskelfaserrissen bestehen, da Muskulatur die nicht beweglich ist, aber trotzdem belastet wird, eben irgendwann nachgibt, aber das natürlich nicht im positiven Sinn, sondern indem sie einfach reißen würde.

Genauso sollten wir das auch auf unsere Pferde umsetzen und deshalb steht die Lösungphase jeden Tag wieder im Vordergrund der Arbeit.

Es gibt je nach Pferd verschiedene Formen des Lösens und auch jedes Pferd benötigt ein anderes Zeitfenster, um loszulassen. Wir sollten das deshalb nicht pauschalisieren, sondern  mit Gefühl auf das jeweilige Pferd und die Tagesform anwenden.

Zu meinen Jobs als Pferdewirt gehört es die Pferde für ihre Reiter locker zu machen.

Ich muss immer wieder schmunzeln – oder mich ärgern- wenn mir gesagt wird: ” Wir brauchen heute keinen Beritt, wir sollen NUR locker reiten”

Da stehen mir die Haare zu Berge.

Was heißt denn “nur locker reiten?”

Einfach im Kreis rumgondeln, bestenfalls  noch hier ein bisschen Quatschen, am halblangen Zügel ? Nur locker halt?

Genau das ist ja falsch.

Aus dem locker reiten entsteht ja alles andere.

Die meisten meiner Pferdebesitzer haben kein Problem die Lektionen zu reiten, die das Pferd gelernt hat.

Vorausgesetzt, das Pferd ist locker.  Das größere Problem ist aber, das Pferd genau dahin zu arbeiten, dass es die Lektionen auch ausführen kann.

Und genau das ist die Aufgabe des Reiters, die so oft unterschätzt wird.

Als erstes sollten wir zwischen innerer und äußerer Losgelassenheit unterscheiden.

Es gibt Pferde, die halten sich im Körper, das heißt in der  Muskulatur fest, das ist relativ einfach zu lösen, indem man sie gymnastizierend arbeitet und dadurch nach und nach lockert.

Bei diesen Pferden geht das meistens auch recht schnell, da sie “mitarbeiten” und die Lösungsarbeit dankend annehmen.

Schwieriger wird es bei den Pferden, die innerlich angespannt sind.

Da muss man erstmal dran arbeiten, dass das Pferd innerlich loslässt und “zum atmen kommt”. Solange ein Pferd die Luft anhält, wird man auch die Muskulatur nicht locker bekommen.

Die erste Arbeit ist hier also erstmal die innere Losgelassenheit, das Vertrauen zu erreichen.

 

Ich habe ein Pony in Beritt, dem sieht man das so von unten gar nicht an, dass sie sich festhält.

Sitzt man aber drauf, merkt man schon im Schritt, wie die Schritte eilig werden, wie sie eigentlich am liebsten sofort antraben oder galoppieren möchte und der Schritt “wie aufgezogen” ist.

Das ganze resultiert übrigens nicht aus Reiterfehlern, sondern so ist das Pony einfach. Immer leistungsbereit, immer “on” was ja grundsätzlich keine schlechte Eigenschaft ist, wenn man sie eben in die richtigen Bahnen lenkt.

Bei diesem Pony besteht die Lösungsarbeit tatsächlich erstmal nur aus Schritt.

Sie würde ich auch nicht am hingegebenen Zügel Schritt reiten, da das keinen Sinn macht. Sie würde nur ständig antraben wollen, dann müsste ich doch wieder ans Maul und durchparieren, gleichzeitig würde sie ständig den Rücken durchdrücken und wäre dann noch verspannter, als sie sowieso schon ist.

Nimmt man die Zügel auf beginnt sie zu schnorcheln, das heißt, man hört deutlich, wie sie die Luft anhält und nach oben zieht.

Gleichzeitig sind die Bewegungen schnell und hektisch und es gilt, hier erstmal Ruhe reinzubekommen.

In so einen kleinen Hektiker bringt man  am besten Ruhe rein, indem man ruhig Schritt reitet, ohne dass es ständig in Spannung ist, ob es jetzt endlich los geht.

Über still sitzen, möglichst wenig Druck machen und dann gezielte Linien wie z.B. Zirkel, Schlangenlinien, häufige Handwechsel auf großen gebogenen Linien kann man mit der Zeit fühlen, wie sie ruhiger wird und die Erwartungshaltung aufgibt.

Wenn man dann über diese ruhige Arbeit langsam merkt, wie das Pferd anders atmet, das heißt, es geht aus der Schnappatmung in die Körperatmung über, dann merkt man auch langsam wie der Körper loslässt.

Wenn man das langsam fühlt, dann kann man das Pony in ruhigem Tempo antraben und weiterhin auf großen gebogenen Linien lösen. Auch hier muss man immer noch aufpassen, dass man nicht zu eilig wird. Eile würde sofort wieder zu Verspannung führen.

Jetzt ist es aber gar nicht so einfach, so einen kleinen Ehrgeizling nicht eilig werden zu lassen. Bremst man mit dem Zügel werden die immer schneller und die Losglassenheit, die wir im Schritt erreicht haben ist schnell wieder dahin.

Man muss also versuchen, das am Sitz zu lösen indem man versucht langsamer aufzustehen, als es das Pony mit seinem Takt vorgibt. Auch etwas weniger hoch aufzustehen hilft oft dabei, mehr Ruhe zu vermitteln.

Die Linienführung, die zum Erfolg führt, muss man ausprobieren.

Manche Pferde reagieren sehr gut auf die natürliche Pferdebremse, nämlich die kleineren Wendungen, die  man immer wieder in ihrer Größe variieren kann. Oft hilft das dem Pferd dabei Ruhe zu finden, manche werden dabei aber noch kribbeliger. Das muss man einfach von Pferd zu Pferd probieren.

 

Oft kann man so kleine Hektiker auch mit Schenkelweichen zur Ruhe bringen, vorausgesetzt, es flüchtet  nicht vor dem Schenkel. Wenn ich also lange genug langgezogene gebogene Linien geritten bin, und dabei den Schenkel am Pferd anliegen haben durfte, dann kann ich versuchen, das Pony ab und zu mal ein paar Schritte vom Schenkel weichen zu lassen. Hier reichen immer wenige Schritte und auch mit wenig Druck, damit sich kein neuer innerer Druck aufbaut.

So kann man versuchen sich immer wieder ins Pferd hineinzufühlen, zu fühlen, was dem Tier dabei hilft innerlich loszulassen und damit leistungsbereit zu werden.

Hat man die innere Losgelassenheit erreicht, dann sind auch die weiteren Lektionen kein Problem mehr. Verpasst man es die Lösungphase zuende zu reiten, egal wie lange es dauert, dann wird es auch keine vernünftigen weiteren Lektionen geben.

Es kann also je nach Tagesform auch mal durchaus sein, dass das Reiten an diesem Tag “nur” aus Lösen besteht. Ich sehe das immer als Vorbereitung auf den nächsten Tag an, an dem ich dann vielleicht schon etwas schneller an ein leistungsbereites Pony komme und dann kräfte,- und konditionsmäßig an anderen Sachen arbeiten kann.

Da die Losgelassenheit immer das Ziel einer Reiteinheit sein soll, sollte man gerade bei solchen Kandidaten auch mal einfach aufhören können, wenn man merkt, dass man ein kleines Stückchen in die richtige Richtung gekommen ist. Rom wurde ja auch nicht an einen Tag erbaut.

 

Junge Pferde dagegen löse ich auch sehr gerne an der Longe.

Leider habe ich gerade nur ein Doppellongenbild zur Hand, der Sinn des ablongierens ist aber, schon den Sattel drauf zu haben.

So kann das Pferd sich erst mal frei bewegen ohne Reiter, kann eventuell auch ein bisschen Dampf ablassen und ich habe den Sattel schon fest gegurtet  bevor ich aufsteige. Dadurch vermeide ich viel Bewegung auf dem Pferd, kann langsam nachgurten, und falls das Pferd die Luft anhält, darf es auch ruhig mal bocken.

Ich longiere gerne unausgebunden ab, da ich  möchte, dass das Pferd seinen Körper spürt, benutzt, selbständig wird und nicht gleich in eine Form gepresst wird. Die Anlehnung erreiche ich dann beim Reiten.

Die Ausnahme wäre ein Pferd mit deutlichen Anlehungsproblemen, da ist es natürlich hilfreich ihm schon beim ablongieren den Weg in die Tiefe zu weisen.

Bei den meisten jungen Pferden, die nicht gerade Takt,- und Rittigkeitswunder sind, steht im Vordergrund den Takt, die Losgelassenheit und die Anlehnung zu finden.

Wobei ich hier diese drei Punkte nicht nacheinander stehen lassen würde, eines ergibt sich aus dem anderen.

Indem ich dem Pferd über die Anlehnung einen Rahmen gebe, kann es leichter in seinen Takt finden. Geht ein Pferd im Takt und lässt über die Anlehnung die Oberlinie los, haben wir ja schon den Punkt Losgelassenheit erreicht.

Oft haben die jungen Pferde noch ihre Schwierigkeiten sich mit dem Reitergewicht zu sortieren, sind aufgrund von äußeren Einflüssen abgelenkt und können sich nicht so lange konzentrieren.

Deshalb halte ich hier die Arbeitsphasen überschaubar kurz. Die ein oder andere Einheit im Gelände bringt einen hier auch oft sehr viel weiter, als sture Hallenarbeit.

Ist es in der Bahn, vorzugsweise mit einem Maß von 20x40m, oft schwierig den Takt zu halten, so kann man das Pferd im Gelände einfach mal geradeaus laufen lassen. Dazu noch die Einflüße von außen, die unterschiedlichen Bodenverhältnissen, die dem Pferd dabei helfen besser mit ihrem Körper umzugehen, hilft oft sehr viel um die innere und äußere Losgelassenheit zu erreichen.

Vorausgesetzt mal wieder man geht es richtig an.

Ein junges Pferd gemeinsam mit einem erfahrenen  Führpferd ins Gelände zu reiten macht Sinn, damit es sich am ruhigen Pferd orientieren kann und gleich lernt, dass ihm hier nichts passiert.

Arbeite ich ein junges Pferd in der Halle liegt der Fokus darauf, es in allen drei Grundgangarten im Takt zu haben, die Wechsel zwischen gebogenen und geraden Linien ohne Einschränkungen von Takt, Losgelassenheit und Anlehnung reiten zu können, es auf beiden Händen gleichmäßig zu gymnastizieren, wobei man gerade bei den Jungspunden oft eine deutliche Schokolandenseiten hat.

Ich arbeite die Pferde immer viel auf der guten Hand und versuche dann so lange wie möglich die Losgelassenheit  mit auf die schwierigere Hand zu nehmen. Merke ich, dass sich das Pferd schwer tut, wechsele ich immer wieder zwischen gut und schwierig, um das Pferd nicht zu überfordern, sondern langsam aber sicher dahin zu gymnastizieren, dass es auf beiden Händen gleichmäßig gearbeitet werden kann.

 

Wann ein Pferd kein “junges” Pferd mehr ist, richtet sich bei mir weniger nach dem tatsächlichen Altern, als nach dem Ausbildungsstand.

Auch, wenn ein Pferd vielleicht schon 6 und damit aus dem Remontenalter raus ist, hat es vielleicht noch körperliche Defizite oder Entwicklungsphasen, die es daran hindern die Leistung zu bringen, die man altersgemäß erwarten würde.

Deshalb sollte man das tatsächliche Alter einfach ausblenden und sich auf sein Gefühl verlassen.

Bei weiter ausgebildeten Pferden sollte sich die Lösungsphase verkürzen.

Aber auch hier muss man natürlich immer erst die Losgelassenheit erreichen, bevor man in die Arbeitsphase übergeht. Wann das soweit ist, spürt man dann, wenn sich das Pferd von selbst beginnt vor einem aufzurichten, wenn man das Gefühl hat, das Pferd geht vor dem Schenkel, wenn man jede Linie, die man sich vorgenommen hat, ohne großen Aufwand reiten kann, wenn Handwechsel und Übergänge einfach funktionieren. Kurz gesagt, wenn sich alles leicht anfühlt.

Dann kann man in der Regel davon ausgehen, dass man die Lösungphase gut abgeschlossen hat und bereit ist in die Arbeitsphase zu gehen.

 

Und wie ich es befürchtet habe, ist das ein wahnsinnig langer Text für  Blog geworden und ich könnte  noch ewig weiterschreiben.

Aber erstens wird das dann sowieso zu lang, und keiner würde es mehr lesen wollen und zweitens muss ich nun selbst in die Lösungsphase gehen. Mein Physio wartet schon darauf meine beleidigte Muskulatur auf den Tag vorzubereiten. Gut, wenn man einen Profi hat, der einem dabei hilft. Alleine würde ich das nämlich nicht hinbekommen.

Und so geht es unseren Pferden wahrscheinlich auch. Die wenigsten kommen losgelassen aus dem Stall und sind darauf angewiesen einen fairen, gefühlvollen Reiter zu haben, der ihnen dabei hilft ihr Potential zu entfalten, indem man ihnen die  besten Voraussetzungen dafür schafft.

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