Dressurreiter –  Springreiter

Ich liebe es immer, dieses Schubladendenken und finde die neue Entwicklung, dass heutzutage schon die kleinsten Kinder auf eine Spezialisierung getrimmt werden sehr bedenklich.

Ich weiß schon, dass das der immer schneller werdenden Gesellschaft geschuldet ist, da bleibt einfach manchmal keine Zeit für eine vielseitige Grundausbildung der jungen Reiter.

Auch schreitet die Spezialisierung der Pferde immer weiter voran, im Gegensatz zu meiner Anfangszeit der Reiterei, als die meisten Pferde ( oder eben die, mit denen ich zu tun hatte) Allrounder waren.

Ich für mich persönlich bin sehr froh, in vielseitigen Ställen groß geworden zu sein, in denen beides geritten wurde und das auch noch mit nahezu jedem Pferd.

Natürlich wird es immer Pferde geben, die springtechnisch völlig untalentiert sind, die muss man damit dann auch nicht quälen oder Springpferde, die von dressurlicher Ausbildung so gar nichts halten, aber im Parcours trotzdem ihren Job machen.

Die Kandidaten soll und muss  man  natürlich nicht verdrehen wollen, das akzeptiert man dann einfach, genauso wie wir akzeptieren müssen, dass Calle es nie lernen wird, über Trabstangen zu traben.

Für alle anderen halte ich es für eine schöne Abwechslung.

Gerade, wenn man mal in Ingrid und Reiner Klimkes Buch Cavaletti reinschaut, dann sieht man, wie man auch bei Dressurpferden mit Cavalettiarbeit sehr viel verbessern kann und gleichzeitig auch die Motivation unterstützt, das Bewusstsein für die Bewegungen, das Sortieren der vielen Pferdebeine, die Rittigkeit und die Durchlässigkeit fördert.

 

Das müssen ja auch gar nicht immer hohe Sprünge sein, aber mit ein paar einfachen Stangen oder Cavalettis kann man so viel Abwechslung in die Arbeit mit den Pferden bringen, die sollten wir uns nicht nehmen lassen.

Ausserdem ist es schnell auf,- und abgebaut und ich habe die Erfahrung gemacht, wenn mal was in der Halle oder auf dem Platz steht, reiten die anderen dann doch auch gerne mit drüber.

Und egal, ob ich Dressur, Springen oder einfach nur über ein paar Stangen reiten möchte, liegt hier gleich mal wieder die Skala der Ausbildung zugrunde.

Springen heißt ja nicht, so wie viele Dressurreiter denken ( Achtung Schublade), so schnell wie möglich, egal wie, über irgendwelche Hürden zu springen in der Hoffnung, sich dabei nicht umzubringen,  sondern Springen ist am Ende einfach die Verbindung von Rhytmusgefühl, Takt, Rittigkeit und Spaß an der Sache aus der heraus dann auch die immer technischer werdenden Aufgaben in den schwereren Klassen gemeistert  werden können.

Springreiter, die ihre Basisausbildung verpasst haben, werden davon irgendwann eingeholt werden, spätestens dann, wenn das Vermögen des Pferdes keine reiterlichen Defizite mehr ausgleichen kann.

Wenn ihr mal auf einen Abreiteplatz für große Springen schaut, dann werdet ihr sehen, dass gerade diese Pferde nicht einfach nur außenrum galoppiert und am Zügel gelenkt werden, sondern, dass gerade in der Arbeit mit den Springpferden sehr viel System mit Seitengängen, Übergängen, Zulegen, Einfangen, abrufen der Reaktionsbereitschaft und Rittigkeit gefordert wird.

 

Ich selbst bin ein großer Freund davon die Dressur mit der Springarbeit  zu verbinden, das heißt ich reite Dressur gerne auf dem Springplatz.

Kennt ihr das, wenn euer Pferd einmal in der Woche auf den Springplatz kommt und dann vor lauter Sprüngen total die Konzentration  verliert, weil es nur noch Stangen sieht?

Das kann man verhindern, wenn man einfach auch mal auf dem Springplatz reitet ohne zu springen. Dann ist das Pferd nicht mehr so fokussiert auf die Sprünge, sondern weiß, dass es auch wenn Sprünge da stehen konzentrierte Dressurarbeit geben kann.

Beim Reiten von Wendungen zwischen den Sprüngen durch, um die Sprünge herum oder auch mal Seitengängen an den Sprüngen entlang, kann man das Pferd sehr schön dressurmäßig arbeiten. Oft fällt den Pferden sogar die Stellung und Biegung leichter, wenn es sich um einen Sprung biegt.

Gerade bei übermotivierten Pferden hat es sich bewährt sie viel um Sprünge herum zu reiten, damit sie die Aufregung verlieren und sich dadurch besser kontrollieren lassen.

Unseren Paul zum Beispiel konnte man anfangs überhaupt nicht reiten, wenn irgendwo Sprünge standen. Wenn er einen Sprung gesehen hat, hat er jegliche dressurmäßige Grundausbildung vergessen. Er war nur konzentriert darauf, wann es denn endlich los geht, und war deshalb nicht dazu zu bewegen sich ordentlich loszulassen, mal abzuspannen und abzuschnauben, was aber ja später für einen rhytmischen Parcours wichtig gewesen wäre.

Deshalb haben wir ihn sehr viel auf dem Springplatz gearbeitet oft mit Stangen und Cavalettis, damit er das übermotivierte irgendwann ablegt.

 

 

Andersrum funktioniert das auch oft. Eher unmotivierte Pferde oder Pferde, die sich gerne mal im Rücken festhalten und dadurch ihre Gehfreudigkeit verlieren, kann man mit gezielter Cavalettiarbeit motivieren sich lieber zu bewegen.

Am Beispiel von Ginny kann man immer wieder gut sehen, wie sie, die eigentlich immer mit festgehaltenem Rücken aus der Box kommt und immer eine Zeitlang braucht, bis sie sich loslässt von der Cavalettiarbeit profitiert.

Die Bewegung über die halbhohen oder hohen Cavalettis macht ihr Spaß, sie zieht dabei dann  mehr von selbst, der Reiter muss weniger treiben und nimmt ihr somit den Druck, dass der Reiter ständig an ihrem Bauch ist.  Mit der Zeit merkt man dann, wie sie loslässt, selbständig vorwärts geht und zufrieden wird.

Bei ihr bauen wir auch immer gerne in die Dressurarbeit Cavalettis mit ein. Gerade, wenn man am versammelten Galopp arbeitet, kann es mal sein, dass sie zu kurz wird und dann nicht mehr durch den Körper arbeitet. Hier ein paarmal übers Cavaletti gehüpft öffnet sie  den Rücken wieder, es lenkt sie wieder ab und man kann danach wieder weiterarbeiten.

Ohne diese Ablenkung ist es oft schwierig, sie da wieder rauszuholen.

Auch den flachen Bewegungsablauf im Trab haben wir bei ihr mit Cavalettiarbeit verbessert.

Seit sie viel über halbhohe Cavalettis trabt und kommt sie deutlich mehr aus der Schulter, kann Vorder,- und Hinterbeine besser koordinieren und findet insgesamt mehr Balance.

Das Bild hier ist zwar in einer gruselig schlechten Phase aufgenommen, aber trotzdem kann man gut erkennen, wie sie aus dem Sprunggelenk und aus der Schulter heraus arbeiten muss, was ist für die weitere dressurmäßige Arbeit sehr hilft.

Wenn wir richtig viel Zeit und Lust haben uns was aufzubauen und nicht befürchten müssen, gleich alles wieder wegräumen zu müssen, legen wir uns gerne mal eine kompletten Parcours aus Stangen und Cavalettis zurecht.

Die einzelnen Aufgaben legen wir dann so, dass sie abwechslungsreich und möglichst vielseitig sind.  Wir versuchen engere Wendungen mit Aufgaben zu kombinieren in denen man wieder zulegen muss, so dass das zulegen und aufnehmen nachher im Parcours funktioniert. Wir arbeiten auch immer wieder mit Übergängen oder stellen eine Aufgabe so, dass man sie sowohl im Trab als auch im Galopp reiten kann. Je nachdem, was wir gerade brauchen, kann man das dann variieren.

Gerade das Reiten von Übergängen, das angaloppieren und durchparieren an bestimmten Punkten, die klare Linienführung durch die gestellten Aufgaben, die auch mal schwierig sein dürfen, wenn es nicht hoch ist, das Geradeausreiten nach dem Sprung, das schräge Anreiten eines Sprunges, das Landen im richtigen Galopp oder die schnelle Korrektur, kann man mit solchen Aufgaben  erarbeiten, ohne das Pferd mit übermäßig vielen Sprüngen zu belasten.

 

Aber nicht nur für die Pferde, auch für die Reiter ist Stangenarbeit eine tolle Sache. Man selbst ist ja auch konzentrierter, wenn man z.B. einen Zirkel aus Trabstangen vor sich hat.  Fällt es bei einem Zirkel ohne Stangen oft gar nicht auf, ob der  mal einen Meter kleiner oder größer war, so hat man bei einem Stangenzirkel doch noch mehr den Ehrgeiz tatsächlich alle Stangen in der Mitte zu treffen und dadurch auch die Kontrolle, ob man sein Pferd an den Hilfen hat.

Probiert es ruhig mal aus. So einfach es sich anhört ist es  nämlich gar nicht, die Stangen immer mittig zu treffen, den Takt und das Tempo gleichmäßig zu halten, über eine Stange zuverlässig den Galopp zu wechseln und auch im Galopp Stangen passend anzureiten, ohne dass das Pferd schneller wird oder ausfällt.

Wenn ihr mögt, kann ich euch mal ein paar Ideen für Stangenarbeit und den Sinn, der dahinter steht zusammenstellen und ihr könnt dann mal probieren.

 

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