Um ein Pferd von der Remonte bis zur schweren Klasse auszubilden, gibt es ein gewisses Grundgerüst, dem wir folgen können und sollten. Alles, was wir da so im Dressurviereck reiten ist ja nicht planlos.

Es gibt eine Großzahl an Hufschlagfiguren und Übungsreihen, die uns dabei helfen unser Pferd korrekt zu gymnastizieren und zu arbeiten.

Mit zunehmender Ausbildung des Pferdes und des Reiters werden die Figuren schwieriger, folgen schneller aufeinander und sorgen dafür, dass man in Bezug auf Losgelassenheit, Aufbau der Schubkraft und Aufbau der Tragkraft immer wieder einen Schritt nach vorne kommt und so langsam die Leiter in der Ausbildung erklimmt.

Den ganzen Aufbau der Lektionen müsst ihr euch tatsächlich wieder wie eine Pyramide- wie auch schon bei der Skala der Ausbildung vorstellen-  es gibt eine breite Basis, die baut sich langsam nach oben auf, bis sie in der Spitze endet.

Die Basis allerdings brauchen wir jeden Tag wieder aufs Neue. Ohne die Lösende Arbeit wird es nicht in die versammelnde und daraus resultierend auch nicht in die Versammlung übergehen.

Ich kann also ein weiter ausgebildetes Pferd nicht mit Versammelnden oder versammelten Lektionen beginnen zu reiten, aber mit zunehmender Ausbildung verkürzt sich die Lösungsphase. Hat man zu Beginn der Ausbildung ( egal ob bei Reiter oder beim Pferd) meist noch als Endziel einer Reiteinheit das Erreichen der Losgelassenheit, so ist der Weg, dieses Ziel schneller zu erreichen und dann mit den weiterführenden Lektionen weiterarbeiten zu können.

Der Traum und die Realität

Oft höre, ich in den Reitstunden, vor allem nachdem größere Turnier live oder im Fernsehen zu sehen waren, was die Reiter gerne reiten würden. Ganz oben in der Skala stehen dabei Traversalen, Wechsel und tolle Verstärkungen.

Da muss ich den Reitern dann immer erklären, dass es bis dahin ein langer Weg ist und auch diese Reiter und Pferde das von der Pike auf gelernt haben und über jahrelange Arbeit die Lektionenfolge aufeinander aufgebaut haben, um an diesem Ziel anzukommen.

Und genau diesen Aufbau, die Abfolge der Übungen, die aufeinander aufbauen, geben uns die Lektionen vor, die in lösende, versammelnde und versammelte Lektionen unterteilt werden. Voraussetzung für das Reiten einer versammelten Lektion ist also immer, dass die ( dazu passende ) lösende Lektion funktioniert hat.

Wofür brauchen wir überhaupt Lektionen?

Die Lektionen helfen uns dabei unsere Reitstunde zu strukturieren.

Jede Reitstunde beginnt mit den  lösenden Lektionen.

Zu den lösenden Lektionen gehören die Hufschlagfiguren und Aufgaben, die uns dabei helfen, das Pferd aufzuwärmen, die Muskulatur zu lockern und damit für die weitere Arbeit überhaupt bereit machen.

Aus der Losgelassenheit, das heißt aus der sich bewegenden, zusammenarbeitenden Muskulatur, die dem Pferd überhaupt erst manche Bewegungsabläufe ermöglicht, geht es irgendwann in die Anspannung über, die wir für beispielsweise einen ausdrucksstarken Mitteltrab brauchen.

Erst, wenn das Pferd von hinten nach vorne durch den Körper arbeitet, in sich gerade gerichtet ist und aus der Losgelassenheit, das heißt, dem vorwärts-abwärts im Leichttraben oder abgaloppieren in die relative Aufrichtung übergeht, sind die verammlenden Lektionen überhaupt möglich.

Kleines Beispiel: Ein Pferd, das keinen runden Zirkel in der Spur gehen kann, wird erst Recht keine Volte gehen können.

Was sind denn lösende Lektionen?

Zu den lösenden Lektionen gehört alles, was erstmal im Arbeitstempo, bzw. im Mittelschritt geritten wird.

Zu Beginn des Reitens bleiben wir erstmal im ruhigen Tempo und versuchen, dieses fleißig, aber im Takt zu reiten. Ruhig ist in diesem Fall nicht mit langsam oder langweilig zu verwechseln.

Manche Pferde brauchen ja etwas länger um auf Betriebstemperatur zu kommen, für die ist es aber trotzdem wichtig, sich erstmal in Ihrem Tempo einjoggen zu dürfen.

Andere wiederum haben von Anfang an den Großen Gang drin, bei denen hilft es oft sie vorher abzulongieren, um den ersten Dampf mal rauszulassen. Versucht man ein faules Pferd von Anfang an vorwärts zu jagen, oder hält man ein gehfreudiges Pferd nur am Zügel fest um es zu bremsen, wird man keine Losgelassenheit erreichen können.

Man muss einfach auf jedes Pferd individuell eingehen und immer – auch tagesformabhängig- entscheiden, was denn am Besten umzusetzen ist. Ich bin kein Freund von Allgemeinerungen.

Nicht jedes Pferd löst sich in Übergängen am Besten. Ich habe Pferde, die reiten ich anfangs sehr lange auf einer Hand und in einer Gangart, bis sie sich da gefunden haben und wechsele erst dann die Hand, wenn eine Hand und eine Gangart sicher war. Da kann es dann schon mal sein, dass ich zwanzig Runden am Stück “nur” auf dem Zirkel reiten, bis ich eine gleichmäßige Linie, eine korrekte Stellung und ein gutes Grundtempo erreicht habe.

Dasselbe Spiel folgt dann auf der anderen Hand. Aber das lösen an sich ist ja schon wieder Thema für einen eigenen Beitrag, den ich euch nächste Woche schreibe.

Heute möchte ich euch nur mal eine Übersicht geben, was denn überhaupt zu welchen Lektionen gehört und die bekommt ihr jetzt:

Lösende Lektionen

-Das Reiten an sich im Arbeitstempo oder im Mittelschritt

– Großzügig angelegte Hufschlagfiguren die teilweise geradeaus oder auf großen gebogenen Linien geritten werden.

Hufschlagfiguren wie z.B.

  • ganze Bahn ( Schritt, Trab, Galopp)
  • Zirkel ( Schritt, Trab, Galopp)
  • Mittelzirkel ( Schritt, Trab, Galopp)
  • einfache Schlangenlinie ( Schritt, Trab, bedingt im Galopp,weil hier zweimal über Trab die Hand gewechselt werden muss)
  • Schlangenlinie durch die Bahn z.b.  mit 3 oder 4 Bogen ( Schritt, Trab)
  • Durch die Länge der Bahn wechseln ( Schritt, Trab)
  • Durch die ganze Bahn wechseln ( Schritt, Trab, im  Galopp mit Übergang und Handwechsel über Trab)
  • Aus dem Zirkel wechseln ( Schritt, Trab, im  Galopp mit Übergang und Handwechsel über Trab)
  • Schenkelweichen (vorwiegend im Schritt, bei weiter ausgebildeten Pferden und Reitern auch mal im Trab)

Grundsätzlich kann man sich merken, dass zu den lösenden Lektionen diese gehören, die im Leichttraben geritten werden können. Eine doppelte Schlangenlinie z.B. würde alleine von der Anzahl des Umsitzens her kompliziert werden. Bei den Lektionen im Galopp muss man diese mit Handwechsel beachten, bei denen der Handwechsel dann über Trab geritten wird.

Förderlich für die Losgelassenheit sind Übergänge, die jeweils über eine übergreifende Gangart geritten werden, also Schritt-Trab, Trab-Galopp, Galopp-Trab, Trab-Schritt, Schritt-Halten. Ebenso gehören Tempounterschiede, wie z.B. das Tritte oder Galoppsprünge verlängern in den Bereich der lösenden Lektionen

Versammelnde Lektionen

Die versammelnden Lektionen bereiten das Pferd auf die Versammlung vor und werden im aussitzen geritten.

Das Grundtempo ist immer noch das Arbeitstempo ( Mittelschritt), da sich aus dem Reiten dieser Lektionen dann erst das versammelte Tempo oder auch die Verstärkungen entwickeln werden.

Voraussetzung hierfür ( ich weiß, ich wiederhole mich), ist dass die lösenden Lektionen aus der ersten Spalte einfach abrufbar waren. Ein Pferd, dass im Rücken noch nicht losgelassen ist, das noch keine geschmeidigen Übergänge über eine Gangart gehen kann, wird erst recht keine Übergänge über zwei Gangarten gehen können, geschweigen denn, ist das Aussitzen und die feine Hilfengebung, die man für versammelnde Lektionen braucht, überhaupt möglich.

Zu den versammelnden Lektionen gehören Hufschlagfiguren, die dann schon im Aussitzen geritten werden wie z.B. engere  Wendungen wie:

  • Volten
  • halbe Volten
  • Kehrtvolten
  • Durch den Zirkel wechseln
  • Doppelte Schlangenlinien
  • Schulter vor  übergehend ins Schulterherein
  • Travers / Renvers
  • KurzKehrt / Hinterhandwendung
  • Rückwärtsrichten ( ich habe das Rückwärtsrichten absichtlich noch nicht zu den lösenden Lektionen genommen)

In der versammelnden Arbeit nehmen wir schon Übergänge über mehrere Gangarten hinzu wie z.B. Trab-Halten, Galopp-Schritt usw. und ebenfalls dien Tempos Mitteltrab und Mittelgalopp.

Auf dem Weg zur Verammlung folgen die Lektionen und Hufschlagfiguren dann schon schneller hintereinander.

Sind wir in der lösenden Arbeit teilweise noch mehrere Runden einfach nur Zirkel geritten, so werden die Anforderungen hier schon erschwert indem wir die Hufschlagfiguren und Übergänge miteinander verbinden.

Ein Beispiel ist zum Beispiel das Wechseln aus oder durch den Zirkel mit einfachem Wechsel oder Wechsel über 2-3 Trabtritte, oder eine Kehrtvolte mit direkt darauf folgendem Angaloppieren, nur um zwei Beispiele zu nennen.

Diese schneller aufeinanderfolgenden Aufgaben fördern die Durchlässigkeit und das “Zuhören” an sich.

Das Pferd muss aufmerksam an den Hilfen sein, der Reiter muss natürlich in der Lage sein feine und verständliche Hilfen zu geben. Das Pferd weiß ja vorher nicht, ob wir nun aus dem Galopp einen Übergang zum Schritt oder zum Trab wollen, es muss auch unterscheiden können, ob wir angaloppieren  oder seitwärts reiten wollen.

Dafür ist es wichtig, dass der Reiter die feinen Unterschiede in der Hilfengebung aus seinem ausbalancierten Grundsitz herausarbeiten kann. Aus einem wackelnden Schenkel wird es zum Beispiel keine klaren Hilfen geben, das Pferd kann dann praktisch nur erraten, was man denn von ihm will.

Das heißt also auch, um in die versammelnde Arbeit gehen zu können, muss ein Pferd losgelassen sein, um das überhaupt umsetzen zu können, aber auch der Reiter muss in der Lage sein, seine Hilfen so zu geben, dass das Pferd sie verstehen kann.

Die Ausrede: ” Aber ich kann den halt  nicht sitzen” gilt bei mir nicht, dann kann man eben auch keine versammelnden Lektionen reiten wollen. Dann muss man eben erst wieder an der Basis arbeiten, auch, wenn es lästig ist.

Das große Ziel – die Versammlung

Aus den versammelnden Lektionen ergibt sich dann die Versammlung von ganz alleine.

Mit der Arbeit werdet ihr fühlen, wie sich euer Pferd schließt, wie es mehr Last auf die Hinterhand nimmt, wie es sich anfühlt, als hätte ihr das Pferd “vor” euch und es geht im Bewegungsablauf in eine Bergaufbewegung.

Der Hals kommt euch mit gebogener Oberhalslinie nach oben entgegen. Jetzt geht es nicht mehr um “Kopf runter” 😉 sondern um Kopf bzw. Genick hoch. Relative Aufrichtung nennt man das.

Die relative Aufrichtung ist die logische Folge eines durch den Körper gehenden, losgelassenen Pferdes, das aus der Hinterhand heraus über den Rücken in die Halslinie arbeitet. Eine Einheit also.

 

Nur kurz zur Vervollständigung: Die Aufrichtung, die wir mit der Hand erzwingen, nennt man die absolute Aufrichtung, und diese ist unerwünscht. Das alles kann man nicht erzwingen, das passiert von ganz alleine, aber eben erst dann, wenn es soweit ist.

(Wenn wir ganz ehrlich sind, wird es auch nicht jedes Pferd lernen, manche Pferde haben auch nicht die körperlichen und nervlichen Voraussetzung um perfekte Versammlung erlernen und ausführen  zu können. Meine Ginny ist da ein gutes Beispiel dafür. Das kann ich wollen, wie ich will, das kann im Protokoll stehen, so oft es will, das fällt ihr einfach schwer und selbst, wenn sie sich körperlich so anstrengt, dass man es schon angehend Versammlung nennen könnte, so lassen dann doch relativ schnell die Nerven nach und sie kann es nicht halten).

Und wenn es halt nicht sein soll, dann ist es auch so, wir werden auch nicht alle Hochleistungssportler.

Wenn wir soweit sind, dass sich das Pferd aus seiner Muskelkraft heraus selbst tragen kann, dass es genügend Schub,- und Tragkraft entwickelt hat, dann folgen auf die versammelnden Lektionen die versammelten Lektionen wie die folgenden.

  • Versammelte Tempi (Schritt, Trab, Galopp)
  • Starke Tempi ( Schritt, Trab, Galopp)
  • Halbe/ Ganze Pirouetten ( Schritt / Galopp)
  • Außengalopp
  • Fliegende Wechsel
  • Traversalen
  • Serienwechsel
  • Volten 6m (Trab, Galopp)

Um dies alles zu erreichen gehen einige Jahre ins Land. Wenn ihr mal auf einem großen Turnier seid, dann achtet mal darauf, wie alt die Pferde sind, die beispielsweise im Grand Prix gestartet werden. Meistens sind die so 10 Jahre und älter. Ihr seht also, wenn man davon ausgeht, dass diese Pferde 4-jährig angeritten wurden und von Profis ausgebildet wurden, dann haben die rund 6 Jahre gebraucht, bis sie überhaupt in dieser Klasse angekommen sind.

Daran sieht man dann deutlich, was das eigentlich für ein langer Weg ist, bis das alles überhaupt reitbar ist, bis ein Pferd überhaupt die notwendige Muskulatur und Übung hat, um das leisten zu können, mal ganz abgesehen von einem  nicht unerheblichem Talent und der Gesundheit, ohne die dieses Ziel überhaupt  nicht erreichbar ist.

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