Es ist mal wieder Zeit für den Einblick in eine Trainingswoche

Dabei ist ja wie immer klar, dass jede Woche anders abläuft.

Ich werde immer wieder nach einem festen Trainingsplan gefragt. Den gibt es nicht. Das aktuelle Training baut sich immer um die verschiedenen Faktoren auf, die das Pferde,-und Reiterleben so begleiten, wie Wetter, Zeit, Möglichkeiten der Platznutzung, Gesundheit von Pferd und Reiter und so vielen weiteren Dingen  mehr, so dass eigentlich jeder Tag völlig anders abläuft und jeder Tag neu erlebt werden muss.

Natürlich hat man immer so einen gewissen Plan im Hinterkopf und je nach Möglichkeit setzt man den um, oder ändert ihn eben wieder. Deshalb könnte ich euch auch nicht vorher einen Trainingsplan aufschreiben, sondern euch nur hinterher davon berichten.

Und das mache ich heute am Beispiel von Ginny Gibsons letzter Woche.

Ich hatte  nicht immer, aber ab und zu die Kamera dabei, so dass ich euch ein paar Bilder dazu zeigen kann.

Grundsätzlich versuchen wir immer die Woche einerseits abwechslungsreich zu gestalten, uns  aber auch Ziele zu setzen.

Bei Ginny richten sich die Ziele nach Ginny.

Der Grundgedanke bei ihr ist immer noch, und wird es auch immer bleiben, sie zu unterstützen und zu motivieren, sie zu fordern ohne zu überfordern.

Das ist schon eine kleine Herausforderung.

Ginny hat sehr feine Antennen, eine sehr dünnes Nervenkostüm und Stress schlägt ihr schnell auf den Magen.

Gleichzeitig hat sie aber auch eine unheimliche Ausdauer und eine wahnsinnig schnelle Regenerationsfähigkeit.

Selbst, wenn man sie einen Tag ordentlich gearbeitet hat, dann macht sie kurz einen Power-Nap und schon eine Stunde später steht sie wieder parat an der Boxentür und wartet darauf, dass man sie wieder rausholt und sie  beschäftigt.

Da ist sie völlig anders als Calle.

Calle arbeitet man, danach ist er zufrieden, dreht den Hintern zur Boxentür und will nichts mehr von der Welt wissen, außer man kommt zum kuscheln oder mit Futter. Nochmal raus hält er für unnötig.

Wenn man Ginny so gearbeitet hat, dass sie Spaß daran hatte, dann will sie weitermachen.

Sie steht dann mit gespitzten Ohren, mit glänzenden Augen in der Box und macht alles dafür, dass man sie nicht vergisst.

 

Sie weiß selbst ganz genau, wenn sie eine gute Leistung gebracht hat und ist dann unheimlich stolz auf sich selbst und will dann immer weitermachen. Das macht es manchmal schwierig das richtige Maß zu finden.

Ginny wird nicht müde. Selbst wenn sie klatschnass geschwitzt ist, läuft sie zu Hochform auf und man muss immer wieder den richtigen Punkt zum aufhören finden und sich auch, wenn der Tag zuvor mit ihr wahnsinnig Spaß gemacht hat, darauf besinnen, dass die Muskulatur regenerieren muss, dass man ein Alternativprogramm machen muss, um ihr diese Lust am arbeiten und die Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Da wir im Großraum Stuttgart leben, und eben nicht die Möglichkeit haben, dass unsere Pferde den ganzen Tag auf der Koppel verbringen, müssen wir uns als Pferdebesitzer immer ein bisschen mehr anstrengen, um unseren Pferden gerecht zu werden.

Es ist nicht damit getan, einmal am Tag zum reiten zu kommen und das Pferd dann die restlichen 23 Stunden sich selbst zu überlassen, man muss schauen, dass man dem Pferd, den Möglichkeiten nach so viel Bewegung wie möglich verschafft und die Zeit, die sie in den Boxen stehen müssen auf die Bedürfnisse des Pferdes anzupassen.

Bei uns geht das ganz gut, weil unsere Stallgemeinschaft sich gegenseitig aushilft, sei es der eine stellt die Pferde raus, der andere nimmt sie mit rein, oder auch das Management mit Nina und mir, wenn wir uns die Arbeitszeiten passend zu den Pfer absprechen, dass die Pferde so optimal wie eben möglich bespaßt sind.

Der grobe Plan für die Herbstmonate, in denen unsere Pferde nicht mehr auf die Koppel können, ist mindestens 2 x am Tag Bewegung und zusätzlich haben wir Paddocks, auf denen einige Pferde zusammenstehen, und frische Luft schnappen können.

Für uns begann der Montag mit Freilaufen.

Nachdem Ginny aus ihrem Schönheitsschlaf aufgewacht ist ( Ginny schläft gerne und viel) ging es für uns los zum warmlaufen.

Dafür nützen wir gerne unser hügeliges Gelände. Wir laufen praktisch zum Stall raus und es geht bergauf und bergab.

So haben wir schon beim ersten Spaziergang der Woche das erste Bergtraining auf hartem Boden hinter uns.

Man sagt ja, um die Knochen, Sehnen und Bänder zu stärken soll man auch immer auf hartem, beziehungsweise auf verschiedenen Böden arbeiten und so ist so ein Spaziergang an der Hand mit Bergauf und Bergab ein guter Start in die Woche.

So gründlich warmgelaufen darf Ginny sich dann in der Halle frei bewegen.

Auch wenn sie anfangs, wie gewohnt, erst mal keine Lust hat so ist sie nach einer kurzen Überzeugungsphase dann doch meistens motiviert und bockt sich ordentlich aus.

Bis man dann aus der Halle kommt und wiederum draussen trockengelaufen ist, hat man die erste Frischluftdosis des Tages hinter sich und Ginny freut sich auf das Mittagessen in ihrer Box.

Die Mittagszeit gehört dann ihr. Heu, Kraftfutter und noch ein Mittagsschläfchen stehen an, wenn es auf dem Hof ruhig wird.

Am Nachmittag hing der Dressursattel für sie bereit.

Nina wollte mal schauen, was sie nach ihrem Freilaufen noch machen möchte und startete mit ihr.

Auch hier heißt es erstmal wieder, raus in die Berge, diesmal unter dem Reiter.

Berghoch, bergrunter und dann ab auf den Dressurplatz.

Und dann heißt es fühlen. Was steckt noch drin im Zwergenpferd, nachdem sie sich morgens ordentlich ausgepowert hatte und steckt überhaupt noch was drin?

Aber, wie es bei Ginny so ist, sie läuft, je mehr sie sich bewegt, zu Hochform auf, so auch heute.

Ohne Erwartungen rangegangen wurde aus dem Dressurreiten eine tolle Trainigseinheit und wir konnten sehr viel am Geraderichten, an den Tempounterschieden und an den Wechseln arbeiten.

 

Damit war Ginny Tag auch schon fast beendet. Noch schnell die Decke drauf und mit den anderen auf den Paddock, damit sie die  letzten Sonnenstrahlen noch geniessen kann. In der Zwischenzeit kann ihr täglicher Tee ziehen und als sie dann, als es dunkel wurde wieder in ihre Box kam stand ihre tägliche Ration Zusatzfutter schon bereit.

Am Dienstag morgen war erstmal Muskelkaterbekämpfung angesagt.

Wenn Ginny so einen Powertag hinter sich hat wie gestern steht am nächsten Tag immer ein kleines Wellnessprogramm auf dem Plan.

Während Ginny mit Calle und Lynn ihre Runden in der Führmaschine lief, bereitete ich unser Wellnessprogramm vor.

Während Ginny es mit halb geschlossenen Augen genießt mit ihrer Moorpackung im Rücken zu relaxen, die ca. 30 min. draufbleibt, kann ich die Zeit für eine ausgiebige Putzaktion verwenden.

Ich fühle dabei immer gleich mal das komplette Pferd durch, merke recht schnell, wenn da irgendwelche verspannten Punkte sind und versuche dieses und die bekannten Problempunkte zu lösen.

Wir beide sind da inzwischen ein eingespieltes Team und Ginny zeigt so langsam auch unter dem Reiter, dass ihr mein Wellnessprogramm scheinbar gut tut und so bin ich natürlich motiviert das so oft wie möglich  mit ihr zu machen.

Nach dem Wellnessprogramm bewege ich sie aber nur im Schritt. Heute ging sie nochmal für 20 min in die Maschine, damit sie sich die Füße vertreten hat. Das Wellnessprogramm mache ich eigentlich nie direkt vor dem Reiten, sondern immer so, dass dazwischen eine Ruhephase ist. Ich habe an mir selbst in der Reha gemerkt, dass der zeitliche Ablauf und das Aufeinanderfolgen der Anwendungen einen großen Einfluß auf die Leistungsfähigkeit hat und manche Sachen auch einfach Zeit brauchen um Nachzuwirken.

Mittags durfte dann die Gang ( die besteht aus Ginny, Lynn und Calle) noch das herrliche Herbstwetter auf den Paddocks genießen.

Dieses einfach nur rumstehen, einfach mal den Kopf hängen lassen die Augen halb geschlossen und sich die letzten Sonnenstrahlen auf den Pelz scheinen lassen, nehmen wir noch so lange wie möglich mit.

Danach hieß es für Ginny nur noch ein bisschen Beine vertreten an der Longe.

Ich wollte mal schauen, wie sie das doch anstrengende Training gestern wegsteckt und dafür möchte ich sie einfach laufen sehen, wie sie von selbst läuft. Das heißt nur Halfter-Longe, ohne auszubinden, nur einfach locker joggen, solange und wie sie mag.

Aber, wie ich es auch irgendwie bei ihr nicht erwartet hatte, war keine Spur von Muskelkater zu erkennen. Ginny joggte locker- flockig 20 min um mich rum und das war`s dann auch für heute.

Für den Mittwoch war nochmal gutes Wetter angesagt und der Springplatz war auch endlich wieder abgetrocknet, so dass wir die  Zeit für ein bisschen Springgymnastik nutzen wollten.

 

Wenn es Plätzetechnisch irgenwie geht, versuchen wir immer wieder die Plätze und damit die Anforderungen zu wechseln. Bei der Springgymnastik liegt der Fokus zwar schon auch auf dem Dressurreiten, mit Übergängen, Lektionen, Seitengängen usw, aber durch die Weite des Springplatzes und das um die Hindernisse reiten können, ist das Training hier doch immer nochmal anders als auf dem Dressurplatz, wenn es sich auch von der Art her ähnelt.

Hier kann man eben einfach zum locker machen gleich mal ein paar Cavalettis und Stangen mitnehmen, auch die Seitengänge fallen Ginny doch nochmal leicher, wenn man sie auf einer Linie an Sprüngen entlang reitet.

Nachdem sie am Mittwoch sehr ehrgeizig war und eigentlich gerne mehr gemacht hätte, durfte sie am Donnerstag nochmal auf dem Springplatz spielen.

Heute wollten wir versuchen, ob wir das gute Gefühl von Mittwoch in den nächsten Tag mitnehmen können und weniger kleine Sprünge brauchen, um locker zu werden.

Wenn wir mit weniger Sprüngen locker werden, dann reicht die Kraft hintenraus auch mal dafür sich an die höheren und vor allem weiteren Sprünge ranzuarbeiten.

Anfangs klemmt Ginny ja gerne mal,  macht immer noch einen kleinen Galoppsprung dazu und lässt sich nicht fliegen. Dadurch bekommt sie am Oxer natürlich Angst und klemmt noch mehr.

Heute war es aber tatsächlich so, dass wir praktisch ans Cavaletti,- und Kreuzchentraining von gestern anschliessen konnten und waren mit wenig Sprüngen und dadurch mit genügend Kraft und Konzentration bereit dafür mal wieder etwas mehr zu probieren.

Ob man Ginny höher springt oder nicht, muss man immer tagesformabhängig entscheiden. Theoretisch kann sie es, das wissen wir, aber man muss immer schauen, ob sie im Kopf bereit ist.

Heute war sie bereit und so durfte sie sich mal wieder ein bisschen anstrengen, wobei es bei ihr eigentlich gar keine Anstrengung ist. An guten Tagen spielt sie mit den Stangen, und heute war so ein Tag.

Wir nehmen dankend solche Tage an, sind uns aber durchaus im Klaren darüber, dass diese Leistung mit ihr noch nicht immer abrufbar ist. Wir versuchen einfach, sie an solchen Tagen, an denen sie so gut drauf ist, in ihrer Leistung zu bestätigen, sie zu motivieren und dadurch hoffen, dass wir nach und nach ihr Vertrauen in sich selbst und ihre Leistungsfähigkeit aufzubauen.

Aber so eine Leistungsdichte wie diese Woche sind wir einfach noch nicht gewöhnt. Normalerweise folgt auf so einen Top-Tag auch immer wieder einen Tag, an dem man denkt, sie wird nie ein Reitpferd werden. Wir konnten bisher die Leistung einfach noch nicht konstant halten. Wir freuen uns zwar über jeden guten Tag, sind uns aber im Klaren darüber, dass jeder Tag ein neuer ist und wir nie wissen, was dieser neue Tag bringt.

Deshalb sind wir auch noch sehr vorsichtig. Drei Reittage und alle drei waren am Limit,  und das einfach  nur, weil sie es selbst angeboten hat, das macht uns selbst noch ein bisschen stutzig und deshalb war der Freitag gleich mal wieder der Gemütlichkeit vorbehalten.

Einfach mal einen Tag lang nichts machen müssen, keinen Sattel sehen, nur Pferd sein zu dürfen, das ist für Ginny auch wichtig. Natürlich muss sie bewegt werden, damit sie keinen Muskelkater bekommt, aber das heißt dann, sie geht an der Hand spazieren, mit ihren Freunden auf den Paddock und macht ansonsten nichts.

 

Und da wir es am Samstag kaum glauben konnten, dass dieses verrückte Herbstwetter im November immer noch anhält, ging es gleich nochmal eine Runde ins Gelände.

Eigentlich sind das nur Bummelrunden, einfach mal den Kopf frei bekommen.

Wenn man bedenkt, dass Ginny es vor noch nicht allzulanger Zeit als Höchststrafe empfand ihren sicheren Hof zu verlassen und das jetzt auch noch alleine, ohne Geleitschutz von Calle machen muss, dann ist es jetzt schon wieder ein Erfolg, dass sie das Ausreiten inzwischen genießen kann. Sie ist wieder selbstbewußter und mutiger, fürchtet sich nicht mehr vor jedem Eichhörnchen im Baum und kann total die Seele baumeln lassen.

Trainingseffekt hat man durch unsere Gegebenheiten mit Bergauf und Bergab trotzedem genug, weil das draußen reiten einfach nochmal ganz andere Muskelgruppen anspricht, als die Arbeit auf dem Platz.

Zudem geht sie ja draußen die meiste Zeit am langen Zügel, muss sich also komplett selbst tragen und ausbalancieren, die Böden sind unterschiedlich, sie muss sich und ihren Körper also immer wieder neu und selbst sortieren, ohne dass ihr der Reiter dabei hilft.

Klingt öde, hat aber mehr Effekt, als man denkt.

 

Und damit war die Trainigswoche mit Ginny und Nina auch beendet. Für den Sonntag habe ich mir mein Pferdchen auch mal wieder selbst unter den Nagel gerissen.

Bei mir ist für Ginny trotz Dressursattel und Dressurplatz leichtes Programm angesagt.

Nach den Leistungen, die sie die ganze Woche gebracht hat und eigentlich ja nun auch schon seit einiger Zeit relativ konstant bringt, habe ich überhaupt keinen Stress irgendwas besonderes mit ihr machen zu müssen.

Wir beiden machen uns einfach nur gegenseitig locker. Ich sie und sie mich.

Das tut uns beiden gut, wie genießen die Zeit miteinander und ab und zu sitze ich immer noch mal gerne selbst drauf, weil ich dann die Veränderungen, die sie durchmacht besser fühlen kann und Nina danach im Unterricht wieder besser unterstützen kann.

Das Gefühl ist bei ihr, und bei allen anderen natürlich auch, immer unheimlich wichtig, da sich vieles von oben doch nochmal anders anfühlt, als es von unten aussieht.

 

Heute hat sie sich allerdings für mich genauso angefühlt, wie ich es vom Schauen her erwartet hatte und so wurde das ein gemütlicher Dressurtag, der einfach Spaß gemacht hat.

Über mittag gab es dann wieder eine ganz große Portion Sonne auf dem Paddock und zum Abschluß der Woche eine weitere Wellnessmassage mit den Ginnyförderlichen Gymnastikübungen kombiniert.

Gerade auch die Möhrengymnastik, so ungewöhnlich sie auch aussehen mag, hat uns in den letzten vier Wochen nochmal ein Stückchen weiter gebracht, das Ginny immer beweglicher wird und auch mehr Spaß daran hat, es zu versuchen, nachdem man sie mit ihrer Lieblingsbeschäftigung, nämlich Futter vernichten, dazu motiviert hat.

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