Nicht jedes Pferd ist aus dem Lehrbuch gehüpft

Daraus ergeben sich natürlich auch Probleme beim Reiten

Ich habe mich heute mal hingesetzt und am Beispiel von Ginny Gibson ihr Exterieur, also ihre Grundvoraussetzung sich überhaupt zu bewegen, zu analysieren und die daraus folgenden Vor,- und Nachteile beim Reiten zu beschreiben.

Eigentlich sollte Ginny ja, der Abstammung  nach ein Vielseitigkeitspferd werden.  Für ein solches war ihr Körperbau eigentlich ganz gut angelegt, weil sie sehr leichtfüßig  ist, sehr geschickt mit ihren Beinen umgehen kann, ihren Körper im großen und Ganzen gut unter Kontrolle hat und durch das gut gewinkelte Hinterbein kraftvoll und kräftesparend galoppieren kann.
Der Schuss Vollblut im Pedigree sorgt bei ihr für eine sehr gute Ausdauer und es fällt sehr leicht, sie konditionell in Schwung zu bringen.

Nun ist es ja aber so, dass Ginny beschlossen hat, doch kein Buschpferd zu werden.

Die zarten Blüternerven halten dem Druck im Parcours nicht stand und so wurde aus unserem nahezu perfekt konstruierten Buschpferd ein Dressurpferd.

 

Das wäre der Plan gewesen

 

 

 

Und das ist der momentane Plan

Ginny wird seit ihrer Auszeit und dem darauffolgenden Antrainieren zwar zu Hause gesprungen, das macht sie auch gut und gerne, aber auf dem Turnier geht sie gerade nur Dressur.

In der Dressur holen uns aber immer wieder unsere Problemzonen ein und die habe ich jetzt mal versucht zu analysieren. Es wird nächste Woche auch ein Trainingsvideo von uns geben, in dem ich dann nochmal drauf eingehe wo unsere Probleme liegen, und wie wir dran arbeiten.

Natürlich kann ich die Grundanatomie nicht verändern, aber es gibt schon Möglichkeiten, das Pferd durch Arbeit, Gymnastizierung und Muskelaufbau zu verbessern, selbst wenn die Möglichkeiten begrenzt sind.

Die größte Problemzone ist sicherlich der Hals

Ginnys Hals ist im gesamten etwas tief angesetzt und hat eine relativ gerade Oberlinie. Selbst wenn sie nur da steht, hat sie keine natürliche Aufrichtung, wie man das von einem Dressurpferd kennt. Bei den meisten Dressurpferden hat man das Problem, dass sie den Hals fallen lassen müssen, bei Ginny ist es andersrum. Das Fallen lassen des Halses fällt ihr leicht, aber es ist sehr schwierig für sie in Aufrichtung zu gehen, weil das so gar nicht ihre Natur ist.

Der Hals ist auch im Ganzen etwas zu kurz, so dass es, wenn man sie in Aufrichtung hat, gerne mal aussieht, als ob sie zu eng wäre. Im Gegenzug dazu hat sie aber eine sehr gute Ganaschenfreiheit, so dass ihr die Anlehnung an sich nicht schwer fällt, eben nur die Aufrichtung.

Man muss also immer den goldenen Mittelweg zwischen relativer Aufrichtung mit dem Genick als höchsten Punkt finden und gleichzeitig nicht die Stirnlinie hinter die Senkrechte zu bringen. Das ist Millimeterarbeit und klappt natürlich nicht jeden Tag gleich gut. Aber man merkt vor allem im letzten halben Jahr schon deutlich , wie sich die Halsmuskulatur entwickelt und sie über die Erarbeitung des Zusammenspiels zwischen Hinterhand und Vorhand eine bessere Halsmuskulatur bekommt und sich langsam besser tragen kann.

Das Ganze zieht sich aber natürlich über einen langen Zeitraum hin, ist mit sehr viel gymnastizierender Arbeit verbunden und auch der Chiro, der regelmäßig dafür sorgt, dass sie sich bestmöglich bewegen kann, hat einen großen Anteil an der Entwicklung.

Im Dressurprotokoll wird aber wohl immer der Schlusssatz: “Wir wünschen uns mehr Aufrichtung und Versammlungsbereitschaft” stehen. Eigentlich könnte ich den schon vorher selbst drunter schreiben. Wir arbeiten dran, und ganz ehrlich, das wünsche ich mir auch, aber das Leben ist eben nunmal kein Wunschkonzert.

 

und das ist die zweite Problemzone

wie man auf dem Bild mit den grünen, orangenen und roten Linien sieht, hat Ginny eigentlich ein sehr gutes Hinterbein, das auch in der Regel immer ganz gut von hinten nach vorne durchfußt. Aber die Vorderbeine und auch der Rücken sind etwas zu kurz geraten und auch hier steht uns die fehlende Bergauftendenz im Weg.

Sie tritt zwar hinten unter, kommt aber vorne nicht schnell genug weg. Auf dem Bild sieht man ganz gut, dass sie selbst im lösenden Arbeitstrab schon seitlich mit dem Hinterbein am Vorberbein vorbeifußt, weil das Hinterbein schon da ist das Vorderbein aber auch  noch auf dem Boden steht.

Das ist auch der Grund, warum ich sie erstmal gar nicht noch mehr von hinten holen kann, da sie dann entweder noch schiefer wird, oder sich einen Knoten in die Beine macht. Der Knoten führt dann unweigerlich zu sofortiger Eskalation.

Auch orange markiert habe ich die etwas lange Fesselung, wobei  man da drüber streiten kann, ob das ein Vor,- oder ein Nachteil ist. Man sagt diesen Pferden nach, empfindlicher zu sein, aber gleichzeitig sind sie eben auch weicher zu sitzen und elastischer als ein Pferd mit einer steilen, kurzen Fessel.

Ich nehme das jetzt mal für uns als Vorteil.

 

 

die größte Aufgabe für uns liegt wohl darin, unsere Probleme zu erkennen und dementsprechend daran zu arbeiten

Ich persönlich finde aber, sie hat in den letzten zwei Jahren zwar kleine, aber doch sichtbare Fortschritte gemacht und ich bin gespannt, wo die Reise als Dressurpferd in der nächsten Zeit für uns noch hingehen wird.

Wenn man mal bedenkt, dass sie als junges Pferd zwei mal mit einer 6,0 aus einer Dressurpferde-A geschickt wurde und damit klar die Absage als zukünftiges Dressurpferd bekommen hat bin ich doch ganz zufrieden, dass wir inzwischen zwar nicht mit top Grundgangarten, aber eben mit korrektem Reiten, harmonischem Zusammenspiel und einer sauber gerittenen Aufgabe durchaus auch mal in den hohen 6er oder kleinen 7er Bereich reiten können.

Ein Richter hat mal in einer M-Dressur mit einem anderen Pferd zu mir gesagt: ” Wenn der Esel nur für eine 6 galoppieren kann, kann ich auch für den Wechsel nicht mehr geben”. Ja, das mag er wohl Recht gehabt haben, aber Ginny kann ja auch nicht für mehr als eine 6 laufen und schafft es trotzdem mal eine bessere Note abzustauben.

Von dem her werden wir dran bleiben, ihr Nervenkostüm weiter stärken, sie soweit zu arbeiten, wie sie es eben umsetzen kann und wir werden sehen, wie weit wir damit noch kommen werden.

Das kommentierte Dressurtrainingsvideo  könnt ihr nächste Woche dann ungeschönt und mit allen Problemchen auf You Tube finden, da ich sicher bin, dass ich euch das gut zeigen kann, und dem ein oder anderen vielleicht Mut machen kann zwar nicht perfekt zu sein, aber aus seinen Möglichkeiten mit geduldiger Arbeit und viel Zeit doch das Beste zu machen.

 

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