Ohne Sorgenkind geht es wohl bei uns nicht.

Nachdem Ginny nun endlich ihren Sorgenkindstatus innerhalb der Familie abgegeben hat und es anfangs der Saison so aussah, als würden wir mit 3 Pferden in die Turniersaison gehen, hat sich leider unser großer Kuschelschimmel zu unserem neuen Sorgenkind entwickelt.

Nachdem er zum Jahresende 2017 seine Verletzung auskuriert hatte, der Tierarzt grünes Licht zum antrainineren gegeben hatte und das auch vollkommen nach Plan verlief, laborierte er  trotzdem dauerhaft an irgendwelchen eigentlichen Kleinigkeiten, die normalerweise eine  Sache von einem Tupfen Salbe und 3 Tagen Zeit sind, sich bei uns aber immer zu etwas größerem entwickelten.

Irgendwie denke ich, der Bub war im Immunsystem und im Stoffwechsel nicht so richtig gut drauf und hielt sich deshalb an so Blödsinn auf.

 

Aber erstmal zum positiven. Die ersten beiden Monaten liefen trainingsmäßig super. Nachdem wir ihn 6 Wochen vorsichtig dressurmäßig antrainiert und ihn figurlich wieder so in Form hatten, dass der Stollengurt wieder passte, standen auch die ersten Cavalettis an.

Nach weiteren 6 Wochen Aufbau mit vielen kleinen Sprüngen war Calle wieder voll im Training.

Trotzdem hatten wir noch keine Turniere genannt.

Calle und Hallenturniere, das ist keine große Liebe.

Calle fühlt sich in kleinen Hallen nicht wohl, wenn die dann noch vollgepackt sind mit mehr Sprüngen als für den Parcours nötig, die Sprünge sehr dicht an der Bande stehen, dann traut er sich manchmal nicht mehr so richtig zu galoppieren.

Ich kann das gut verstehen, ich möchte auch nicht nach der Landung an der Wand kleben.

Deshalb warten wir bei Calle immer ab, bis die Freilandsaison anfängt, bevor wir in die Saison starten.

 

Ende April sollte es dann soweit sein.

Wir hatten uns ein Turnier ausgesucht, bei dem wir alles hatten, was wir uns für ein Turnier wünschen, angefangen bei einer relaxten Anfahrt über die Autobahn ohne großes Gekurve, weiterführend bei einem großen Abreite,- und Turnierplatz, beide mit Top-Sandböden und einer Linienführung im Parcours, die uns schon letztes Jahr gut gefallen hat.

Das Wetter spielte auch noch mit, nur unser Calle nicht.

Hatten wir doch das letzte Turnier in Kreuth unglücklich beendet, das aber auf die damalige Verletzung gemünzt, so mussten wir leider gleich ein Throwback erleben.

Unser Calle hatte nicht vergessen, dass er in Kreuth nicht vom Abreiteplatz weg wollte.

Es ist ihm ein halbes Jahr später gleich mal wieder eingefallen.

Und so ging der Parcours genau bis zu dem Sprung, an dem er vom Abreiteplatz hätte wegwenden müssen.

Das sah er mal gar nicht ein.

Füße in die Luft, Nina einmal klar gemacht, dass er das hier und heute nicht machen wird und die Prüfung war beendet.

Uff, das mussten wir erstmal verdauen, die Situation war ungelogen etwas blöd.

Das Problem ist, dass man sie ja nicht umgehen kann.

Das Calle auch zuhause sehr an anderen Pferden klebt wissen wir, aber in einem Riesenverein sind halt immer Pferde da, er fühlt sich nie alleine.

Im Parcours hat er wohl irgendwelche Verlustängste, was auch immer in seinem Kopf vorgeht. Wir wissen es nicht.

Und können das auch nur schwierig trainieren, weil zuhause springt Calle.

Es ist also nicht damit getan daheim zu trainieren, und gut ist.

Das Training daheim ist nicht zielführend, weil da alles problemlos funktioniert.

 

 

 

Ok. es musste also eine andere Lösung her.

Schmerzen konnten wir ausschließen, dann wäre er auch zuhause nicht gesprungen.

So organisierten wir ein Training, dass wenigstens ein bisschen die Turniersituation simulieren sollten.

Wir fuhren auf eine Anlage, auf der am Wochenende ein Turnier stattfinden sollte und deshalb schon ein kompletter Abreiteplatz und ein Parcours standen.

Das einzige, was wir nicht simulieren konnten, waren die vielen anderen Pferde auf dem Abreiteplatz.

Aber wir stellten dafür den Hänger mit Ginny in Sichtweite, vielleicht war das ja schon schlimm genug, von seiner geliebten Ginny weg zu müssen.

 

 

Und tatsächlich ging unser Plan auf.

Auf dem Abreiteplatz benahm sich Calle vorbildlich.

Dann ging es in den Parcours und wir hatten unser Problem wieder.

Alles war gut, bis die Wendung vom Abreiteplatz, auf dem nicht mal ein Pferd war, weg ging.

Dann ging erst mal nichts mehr.

Und Calle kann dann echt stur sein.

 

 

Aber in der Ruhe war die Situation recht einfach zu lösen. Erstmal muss Calle wieder mit den Beinen auf festen Boden kommen, dann reitet man die Wendung 2-3 mal im Schritt, im Trab und dann wieder im Galopp. Problem gelöst und es geht weiter im Parcours.

Nachdem das einmal ausdiskutiert war, war das Problem vergessen, Calle wieder in der Spur und wir sehr erleichtert.

Das war ja doch recht einfach.

 

 

Und so machten wir uns auf den Weg nach Kreuth.

Klar, mit ein bisschen Bauchweh im Gepäck, schließlich hatte ja genau da alles angefangen.

Aber zum Nennungsschluß konnten wir ja nicht wissen, dass das keine Eintagsfliege war. Und wenn man mal Kreuth gemeldet hat, dann fährt man in der Regel auch.

Also ging es los.

Wir hatten den Plan, dass Calle erstmal wieder kleine Prüfungen geht. Erstmal wieder Sicherheit bekommen, hauptsache das Ziel sehen.

Auch beim Warm-Up simulierten wir nochmal die Situation, dass Calle sprang und ich mit Ginny vom Platz weg lief.

Was macht man nicht alles, um Probleme zu lösen.

Das war aber alles kein Problem.

Calle war top drauf.

Auch am Turnier.

Begonnen haben wir mit 2 L-Springen, die er  problemlos lief.

Keiner hätte hier irgendein Problem erkannt.

 

 

 

Draufhin wurden wir mutiger und ließen ihn ins M.

Ja, was soll ich sagen. Auch das war kein Problem.

Calle ging zweimal Null, einmal mit einem Fehler, aber das war ja völlig unwichtig.

Er hat dreimal hintereinander das Ziel gesehen und das war unser Top-Ziel für Kreuth, von dem wir gar nicht erwartet hatten, es erreichen zu können.

Mit einem dementsprechend positiven Gefühl machten wir uns wieder auf den Heimweg.

 

 

 

Nach diesem holprigen Start sollte also unsere Saison nun, Anfang Mai beginnen.

Das tat sie dann auch.

Calle platzierte sich in einer L-Dressur und lief sehr schöne M-Springen.

Viel konnten wir aber nicht unterwegs sein, da Nina auch am Wochenende arbeiten musste und die Zeit dadurch knapp war.

Auch das Wetter machte uns Sorgen.

Auf ausgetrockneten, steinharten Grasplätzen wollten wir ihn nicht laufen lassen, und auch bei 35 Grad aufs Turnier zu fahren lockte uns nicht wirklich.

So war das eine lässige Saison.

Die Prüfungen, die er lief, lief er gut, die anderen bei denen die Bedingungen nicht optimal waren haben wir gleich gelassen.

Ein absolutes Highlight mit Calle war unser Bloggertreffen auf dem CHIO Aachen.

Calle durfte hier an einem Training mit Olivier Philliparts teilnehmen und das fand er total cool.

Den Karli hatte er sowieso gleich mal ins Herz geschlossen und auch bei dem nachfolgenden Treffen mit so vielen interessierten Zuschauern, war Calle ein echter Kuschelcalle.

Nach gefühlten 100 Fotos mit den Mädels machten wir uns wieder auf den Weg nach Hause.

Und dann endete unsere Saison ziemlich schnell.

Wir hatten immer mal wieder das ungute Gefühl, dass Calle nicht so los lief wie gewohnt.

Nach ein paar Runden war zwar alles wieder gut, aber Calle musste sich noch nie einlaufen und so gönnten wir ihm im Juli eine Koppelpause.

Wir hofften, dass es wieder nur eine der vielen Kleinigkeiten ist, die sich summiert hat und dass das nach einer Pause von alleine wieder gut werden würde.

Das hat aber nicht gereicht.

Calle lief zwar ganz gut, aber so richtig glücklich waren wir  nicht.

Es war also an der Zeit den Tierarzt mal draufschauen zu lassen.

Der kam auf den Hof, schaute ihn an und war  noch guter Dinge.

So ein braver, sagte er und setzte die erste Spritze, die das Bein betäuben sollten, damit wir lokalisieren können, wo den ein Problem sein könnte.

Und das wars dann mit der Liebe von Calle zum Tierarzt.

Ab dem Moment waren sie keine Freunde mehr.

Das kann man auch nicht machen. Einfach pieksen. Calle war empört.

Wir mussten nach der ersten Spritze einsehen, dass es keine weitere mehr geben wird.

Calle entwickelte ungeahnte Bewegungsqualitäten.

Vorne beißen, gleichzeitig von hinten nach vorne gezielt nach dem Tierarzt treten oder sich alternativ einfach auf den Boden werfen, das waren keine guten Voraussetzungen für eine Untersuchung.

Außerdem hatten der Tierarzt und wir ja auch einen Überlebenswillen, der Calle herzlich wenig interessierte.

So hatte ich Calle tatsächlich noch nie erlebt.

Und alles nur wegen einem Pieks.

Also brachen wir die Untersuchung ab und vereinbarten einen Termin in der Klinik, wo man ihn unter Sedierung untersuchen würde.

Gesagt, getan, wir machten uns auf den Weg.

Mit einer leichten Sedierung – er musste ja auch noch traben können- konnten wir die Problemstelle lokalisieren und es ging zum Röngten.

Ein Foto machen – nicht mit mir – beschloss Calle wieder und wir hatten etwas Angst um das teure Röntgengerät.

Mein Gott, kann man sich auch so anstellen.

Ja, Calle kann.

Also, wieder eine Sedierung, diesmal zum Röntgen.

Also ehrlich, so eine Mimose habe ich ja noch nie erlebt.

Wenn es nicht so aufwändig gewesen wäre, hätte man ja fast drüber lachen können.

So hat sich ja nichtmal unser Fürchtefix Paul angestellt.

Naja, es ist wie es ist, wir wurden wenigstens fündig.

Ein Chip verursachte wohl die Probleme und der musste raus.

Also blieb Calle gleich in der Klinik.

Gut nur, dass eine Op sowieso in Narkose ausgeführt wird, das sicherte das Überleben der Tierärzte.

 

Die OP verlief gut.

Eine Woche später durften wir Calle und den Chip getrennt mit nach Hause nehmen und nun stand uns das schwierigste bevor.

Nochmal eine Woche Boxenruhe stand an.

Eigentlich sollte man meinen, dass das Calle, der sich ja sowieso nicht mehr bewegt als nötig, nichts ausmacht.

So mit seiner Box mitten auf dem Hof, und mit zig Leuten, die an seiner Box vorbeilaufen und ihm den Kopf streicheln, sollte er eigentlich beschäftigt sein.

Aber auch das hat nicht geklappt.

Calle wurde sehr ungemütlich.

Es war ja alles ok, solange jemand da war, der ihm den Kopf hielt.

Sobald die Menschen aber weitergingen, klopfte er energisch an die Boxentür.

Mit dem operierten Fuß natürlich, wie kann es auch anders sein.

Ab dem Moment trug er Stallgamaschen und die Leute wurden gebeten ihn nicht zu streicheln, da er  nur dann klopfte, wenn jemand weg lief.

Das war schwierig durchzusetzen. Er guckt doch immer so süß. Und er ist doch so arm.

Das man ihm damit keinen Gefallen tut, war schwierig zu vermitteln.

 

 

Mitte September war es dann endlich soweit und Calle durfte wieder Schritt gehen.

Aber Schritt fand er doof.

Unser Calle, der gechillteste Esel auf der ganzen Welt, der es gerne gemütlich hat, der wurde nun ungemütlich.

Das ging soweit, dass es für Nina mit einem gebrochenen Finger endete und wir inzwischen schon sedieren mussten, wenn der Tierarzt nur auf den Hof fuhr.

Wir witzelten schon rum, dass man ihn am Besten irgendwann mit dem Blasrohr sedieren muss, weil man sonst nicht mehr an ihn rankommt.

Und so ging der September und auch der Oktober vorbei.

Fäden ziehen, Eigenblutbehandlung und Schritt bis zum Abwinken.

Gut, dass er wenigstens auf dem Paddock einingermaßen brav war und somit nicht dauerhaft in der Box stehen musste.

Trotzdem merkte man ihm an, dass es nun eigentlich Zeit wäre, mal wieder mehr zu machen, als Schritt und rumstehen.

 

Und im Oktober war es dann soweit.

Der Tierarzt gab grünes Licht zum traben.

10 min am Tag auf dem großen Platz ganze Bahn, war die Ansage und wir waren echt froh.

Calle lief auch gut.

Wir hatten Glück, das Wetter spielte mit und wir konnten die ganzen vier Wochen draußen auf dem Platz reiten. Das ist optimal.

Der Boden ist perfekt und es geht nicht so oft um die Wendung wie in der Halle.

Nach vier Wochen kam der Tierarzt wieder und erlaubte uns Galopp dazuzunehmen.

 

Erleichtert dachten wir, wir hätten es geschafft.

 

Aber schon nach dem zweiten Tag mit einer Runde Galopp kam der Dämpfer.

Ob es jetzt an den paar Galoppsprüngen lag oder einfach so kam, wir wissen es nicht, ist ja auch egal, auf jeden Fall lief er wieder schlechter.

Zum Glück war zufällig der Tierarzt auf dem Hof und wir konnten gleich reagieren.

Eine Hyaluronbehandlung wurde sofort gemacht, die zweite Eigenblutbehandlung folgte zwei Wochen später.

Natürlich alles, wie wir es schon kennen mit Sedierung und eine großen Portion Drama.

Und wieder vier Wochen Schritt.

Ja, und so endete unser Jahr mit Calle.

Theoretisch haben wir alles getan, was man tun kann.

Jetzt heißt es abwarten.

Im neuen Jahr darf er mal wieder vorsichtig antraben und wir sind gespannt, wie er dann läuft und ob wir ihn antrainieren können.

Bisher wissen wir noch gar nichts, außer, dass es nicht einfach werden wird, da Calle inzwischen doch sehr unentspannt ist, nur auf eine Gelegenheit wartet zu bocken und damit natürlich nicht gerade zum Heilungsverlauf beiträgt.

Ob er wieder voll reitbar wird, was wir natürlich hoffen, aber nicht wissen, wird  man sehen.

Auf jeden Fall soll Calle einerseits alle Zeit der Welt bekommen um wieder gesund zu werden, andererseits müsste er für seinen Kopf jetzt unbedingt mal wieder arbeiten, damit er mal wieder zufrieden und ausgeglichen wird, so wie wir ihn kennen.

Die ganze Schonerei findet er nämlich ganz schön öde und versucht alles um irgendwie anders etwas Abwechslung in sein Leben zu bringen.

Ihr seid also gefragt, uns und Calle weiterhin die Daumen zu drücken, dass er bald wieder normal geritten werden kann und zum Koppelbeginn dann auch wieder mit auf die Koppel darf, ohne dass man Angst haben muss, dass er sich gleich wieder zerstört.

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