Jetzt bin ich schon 27 Jahre in meinem Beruf unterwegs. In dieser langen Zeit durfte ich sehr viel von meinen Lehrmeistern, auf Lehrgängen, auf Fortbildungen und vor allem auch durch tägliche Routine und Selbsterfahrung lernen.

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Ich bin jetzt nicht so der typische Unterrichtsreiter, ich zähle mich eher zur Gattung der Autodidakten, die sich ihre Sachen selbst aneignen.  Ich bin irgendwie immer gar nicht soooo viel im Unterricht geritten, weil ich es irgendwie nicht brauchen kann, wenn einer unten steht, vielleicht mein Pferd nicht kennt und mir dann sagen will, wie es zu funktionieren hat. Das war für mich irgendwie nie zielführend. Auch bei meinen Schülern halte ich es eigentlich (soweit es mir eben jetzt noch möglich ist) so, dass ich die Pferde auf denen ich unterrichte auch selbst reite. Vieles fühlt sich doch von oben ganz anders an, als es von unten aussieht und nur so kann ich dem Schüler wirklich wertvolle Tipps geben, die genau zu dieser Pferd-Reiter-Kombiniation passen und keine nachgeplapperten Sprüche aus irgendeinem Lehrbuch sind. Lehrbücher sind zwar für das Grundverständnis unabdingbar, trotzdem muss man deren Aussagen eben auf das jeweilige Pferd umsetzen, da ja unsere Pferde weder exterieurmäßig dem Lehrbuchstandard entsprechen, noch alle nach Lehrbuch korrekt ausgebildet sind.

Und so hatte ich eigentlich sehr oft genau die Pferde zu reiten, bei denen im Leben schon mal was schief lief und die man erst mal wieder in die richtige Spur bringen musste. Oder eben Pferde mit deutlichen Exterieurproblemen, wie z.B. Ginnys Schiefe. Hier nützt es mir nichts, wenn man mir erzählt, dass ich sie geraderichten muss, das weiß ich selbst. Sie einfach über Schulterherein und Seitengänge geradezurichten geht halt auch nicht, da sie da nervlich völlig eskaliert. Ich muss hier also immer wieder einen eigenen Weg finden. Ein Reitlehrer, der sie nicht kennt, beispielsweise auf einem Wochenendlehrgang, könnte mir hier nicht weiterhelfen, da er es genau auf die altbekannte Weise probieren würde und dann doch scheitern würde. Also muss ich hier, wie bei vielen anderen auch, alleine durch. Immer wieder probieren, was geht, auch mal fühlen, was nicht geht und sich immer wieder Alternativen überlegen, wie man sich doch an die Problematik rantasten kann.

Was ich allerdings supergern mache und auch schon immer gemacht habe, ist zuhören. Ich kann stundenlang auf der Bande sitzen und anderen beim Unterricht zuschauen und zuhören. Das was ich dort höre, sauge ich auf, und was zu mir und meinen Pferden passt, nehme ich im Kopf mit und probiere es dann in aller Ruhe aus. Manches funktioniert, manches wird wieder verworfen. Im Hinterkopf bleibt das aber alles, vielleicht kann man es ja bei einem anderen Pferd mal wieder probieren.

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Auch mein Bücherschrank ist ganz gut gefüllt .Verschiedene Lehrbücher stehen hier, zu jedem Thema etwas. Allerdings lese ich mir hier auch kein Buch durch, nur um es gelesen zu haben. Wenn man zu manchen Problematiken aktuell keinen Bezug hat, kann man zwar drüberlesen, aber es bleibt nicht hängen, weil man es ja gar nicht braucht. Ich schlage aber oft nach bestimmten Dingen nach, eben genau dann, wenn es mich interessiert.

So habe ich mich immer an die verschiedenen Pferde herangearbeitet. Ich brauche immer ein bisschen Zeit für mich, zum Fühlen, zum Ausprobieren, zum Scheitern, zum Neudenken usw.

Aber in den letzten zwei Jahren habe ich noch etwas gelernt, was mir noch kein Lehrgang und auch kein Buch vermittelt hat. Das,was mein Denken und Reiten in den letzten zwei Jahren deutlich verändert hat, ist Lebenserfahrung. Und zwar die, die man am eigenen Leib zu spüren bekommt.

Wenn man wie ich, eigentlich nie ernsthaft krank war, oder aber Verletzungen, die man hatte problemlos verheilt sind und danach alles nach einem gezielten Trainingsplan weiterging, dann denkt man wenig über “nicht können ” nach.

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Ich hatte ja selbst schon viele Verletzungen. Von verschiedenen komplizierten Beinbrüchen, über eine gequetschte Hüfte, über keine Ahnung was nicht noch alles. Da waren nicht nur Kleinigkeiten dabei. Trotzdem gab es bisher noch nie Probleme. Von der Verletzung über die Heilung, die ihre vorhergesagte Zeit in Anspruch nahm, die man aushalten muss, über die Rehabilitation sind alle meine bisherigen Verletzungen immer so verheilt, wie es die Ärzte vorausgesagt haben.  Das war immer relativ planbar, abschätzbar und wenn eine gewisse Heilungszeit ins Land gegangen war, hatte ich auch nie wieder Probleme damit. Toi,toi,toi.

Und so war für mich bisher immer auch der Weg bei den Pferden klar. Wenn sie verletzt waren, habe ich den Tierarzt geholt, der hat sein Wissen und seine Erfahrung ausgepackt und die Pferde behandelt. Nach Anweisung des Tierarztes hat man dann wieder antrainiert und alles war wieder in Ordnung.  Das war jahrelang ok so und hat auch funktioniert.

Bis Ginny kam. Bei der fing es an, dass es eben nicht mehr funktioniert hat. Wie oft ich mit ihr bei verschiedenen Tierärzten war, wie oft sie sich ganz sicher waren, das Problem gefunden zu haben, wie viele Behandlungen wir gemacht haben, immer mit der Aussage: “Bald werden sie ein anderes Pferd haben”  — ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.

Und trotzdem kommt sie jetzt so ganz langsam wieder ins Laufen.

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Aber im Endeffekt nur, weil ich nie aufgehört habe in sie hereinzuschauen, mit ihr mitzudenken und das gesamte Pferd nicht aus dem Auge verlieren. Alle Menschen, egal ob Tierärzte, Osteopaten, Chiropraktiker usw. können immer nur den aktuellen Zustand des Pferdes beurteilen. Ist es aber so, dass der Zustand sich praktisch täglich ändert , dann wird es echt schwierig. Diese Veränderungen kann ja nur der sehen, der das Pferd täglich um sich hat.

Klar, konnte es sein, dass, wenn der Tierarzt da war, Ginny auf einem Bein lahm war.  Ich wusste aber immer, dass das am nächsten Tag ganz anders sein konnte. Sie war einfach nicht definitiv an einer Stelle verletzt, was ja relativ einfach zu therapieren ist, sondern sie war ja im Gesamten nicht in Ordnung. Und das strahlte eben mal hier und mal da aus. Heute was er so, morgen wieder anders.

Wie oft habe ich gehört: ” Das Biest will doch nur nicht, die braucht mal ordentlich den Ranzen voll und wenn sie dann immer noch nicht tut, dann taugt sie halt  nicht als Reitpferd”

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Und dann kam – wahrscheinlich mit auch Ginnys Glück- mein Unfall, der viele meiner Sichtweisen veränderte. Ich durfte oder musste nämlich jetzt am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man theoretisch körperlich wieder völlig hergestellt ist, die Röntgenbilder super aussehen, keine wirklichen Probleme erkennbar sind, und man aber trotzdem nicht so kann, wie man will oder soll.

Immer öfter, wenn ich mich mal wieder zurücknehmen muss, weil ich Schmerzen habe, weil ich manche Bewegungen, die ich eigentlich können sollte, wie z.B. den Kopf schütteln oder drehen, einfach nicht ausführen kann, dann denke ich an so manches Pferd, das sich nicht wehren kann.

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Ich kann ja sprechen, ich kann zum Arzt gehen und sagen, was geht und was nicht geht und wo es weh tut. Dann stehen sie aber oft vor mir und sagen: “Eigentlich sollte das aber gehen”. Hmmm, ja, geht aber halt nicht. Weil gerade mal wieder ein Muskel festhält, weil irgendwo anders was festhängt, was nicht fest sein  sollte, weil…. keine Ahnung, man weiß  oft auch gar nicht, warum es nicht geht. Aber es geht halt nicht. Ich kann das aussprechen. Ich mache halt einfach nichts, was nicht geht. Es kann mich ja keiner zwingen, das tut auch keiner. Trotzdem weiß ich eben oft nicht, warum es nicht geht, es gibt keine Erklärung dafür. Aber es geht halt  nicht, also mache ich es nicht. Die Ärzte sagen zu mir, ich solle auch meinen Körper hören, an die Schmerzgrenze herangehen, aber nicht mit Gewalt drüber hinweg. Das funktioniert so für mich ganz gut. Mal besser, mal schlechter, aber ich habe es im Griff. Meistens jedenfalls.

Aber jetzt setzen wir das Ganze mal auf ein Pferd um, und genau da setzt mein neuer Denkansatz an.

Wie oft standen wir schon dem Problem dass der Tierarzt nichts findet und das Pferd trotzdem nicht läuft?

Wie oft hat man schon gehört: “Der muss da jetzt durch”

Wie oft hat man dann doch mal den Schlaufzügel draufgeschnallt, weil es ja gehen muss.

Wie oft saß man aber auch abends mit schlechtem Gewissen daheim und hat sich überlegt, ob man da jetzt wirklich Recht hatte, ob das wirklich alles gehen müsste, oder ob man vielleicht doch auf dem Holzweg ist und seinem Pferd Unrecht getan hat?

Was, wenn der Tierazt doch was übersehen hat und der “Bock”, der offensichtlich nicht WILL, vielleicht einfach nicht KANN? Auch, wenn es keine klare medizinische Erklärung dafür gibt?

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Ich bin mir da nicht mehr so sicher.  Ich überlege oft, was wäre, wenn ich ein Pferd wäre? Ich könnte nicht sprechen, ich könnte niemandem sagen, dass ich meinen Hals nicht drehen kann. Die Röntgenbilder sind doch gut, also muss das gehen. Hätte ich auch den Schlaufzügel drauf? Würde man versuchen mir den Kopf rumzuziehen, wenn ich ihn nicht von selbst bewege? Wie würde es mir dabei gehen?  Ich könnte ja trotzdem nicht nachgeben. Weil es tatsächlich nicht geht. Was würde passieren, wenn man dann stärker zieht? Würde ich aufgeben und den Schmerz aushalten, würde ich mich wehren, könnte ich mich überhaupt wehren?

Und was, wenn ich tatsächlich bösartig werden würde, was mir dann ja eigentlich zustehen würde? Tja, dann wäre wohl der weitere Weg vorgegeben……

Ich weiß es nicht, aber ich bin dann doch immer wieder froh kein Pferd zu sein.

Und genau dieses Gefühl versuche ich seitdem auf meine Pferde mitzunehmen. Ich denke mich immer mehr, vielleicht auch manchmal zuviel, in die Pferde rein und habe immer mich selbst vor Augen.  Ehrgeiz hätte ich ja, ich würde alles dafür geben, so zu können, wie ich will, kann es aber nicht ändern.

Genauso geht es auch meiner Ginny und wahrscheinlich vielen anderen Pferden. Ginny ist ein ehrgeiziges Pferd. Sie wollte eigentlich immer. Eher zuviel als zuwenig. Und wenn ich nun so ein Pferd vor mir habe, von dem ich weiß, dass sie eigentlich immer 110% geben will, dann bin ich als Reiter und Ausbilder tatsächlich gefragt. Ich sehe es jetzt schon als meine Aufgabe an, nicht einfach nur zu sagen: “Der ist in Ordung, das muss gehen”, sondern auch wenn ein Therapeut nichts findet, solange zu überlegen, zu forschen und zu fühlen, bis man eben doch die Ursache gefunden hat, die manchmal vielleicht auf wo ganz anders liegt, als man vermutet hat.

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Was jetzt nicht heißen soll, dass ich jedes unmotivierte Pferd gleich für schwer krank halte und mehr den Tierarzt da habe, als dass ich reite. Nein, aber ich versuche mich trotzdem immer hereinzufühlen, ob einer nicht kann oder ob man ihn nur mal motivieren muss. Bei Pferden, die man nicht kennt, ist das sicherlich schwierig bis unmöglich, aber bei den Pferden, die ich kenne und weiß, dass sie so normal nicht sind, bei denen schaltet sich  mein Gerechtigkeitssinn ein und ich kann nicht aufgebeben, bis ich nicht sicher weiß, dass  man alles getan hat um diesem Pferd zu helfen.

Ich bin zwar nicht dankbar für meinen Unfall, den hätte sich das Schicksal eigentlich auch sparen können, aber trotzdem bin ich doch dankbar für die Erfahrungen, die ich am eigenen Leib sammeln kann und damit den mir anvertrauten Pferden noch ein bisschen gerechter werden kann und mit Gefühl und Verstand an manche Probleme herangehe.