Gestern saß ich wieder mal auf meiner Ginnymaus und war am Nachdenken. Wenn mir einfach so die Gedanken in den Kopf schwirren, die ich dann so gar nicht mehr los werde, dann entsteht daraus ein Blogbeitrag.

Aber warum kamen mir genau diese Gedanken?

Und warum lassen sie mich dann nicht mehr los?

Ganz einfach, weil sie mich schon sehr lange beschäftigen und sie nicht aus einer Laune heraus entstehen, sondern aus jahrelanger Eigenerfahrung.

Ausschlaggebend gestern dafür war die Freude darüber, wie sich Ginny im Besonderen, aber weiterführend auch meine eigene Gesundheit und aktuell auch Calle entwickelt.

Ich fange mal bei Ginny an.

Ginnys Komfortzone lag lange Zeit im Nichtstun. Die Geschichte dahinter wiederhole ich jetzt nicht mehr, die habt ihr alle schon tausendfach gelesen. Zur damaligen Zeit habe ich mich oft gefragt, ob es richtig ist, das Pferd immer wieder neuen Tierärzten vorzustellen, immer wieder neue Therapien auszuprobieren, niemals aufzugeben, sie dazu zu bringen sich doch zu bewegen, auch, wenn sie mir oft gezeigt hat, dass sie das eigentlich gar nicht ( mehr) will.

Viele Fragen kamen damals, von mir selbst, aber auch von anderen, warum ich das Tier, das offensichtlich keinen Lebenswillen mehr hatte, nicht einfach über die Regenbogenbrücke schicke oder aber für den Rest ihres Lebens auf eine Koppel stelle, was ganz ehrlich gesagt bei einer 5-jährigen ein sehr teurer Spaß geworden wäre.

So rappelten wir uns immer wieder auf, bastelten Longierpeitschen mit Flatterbändern dran, da es auch beim Freilaufen nicht möglich war, Ginny dazu zu bringen, sich freiwillig zu bewegen. Oder ich habe ihr Mr.Knister als Abschlepper mit auf den Platz gestellt in der Hoffnung, dass sie mit einem anderen gemeinsam mehr Spaß am Laufen hat, als alleine.

Schon alleine damit habe ich Ginnys damalige Komfortzone deutlich verlassen. Ja, ich gebe es zu, ich habe sie überredet sich zu bewegen, auch mal deutlich. Damals empfand sie das als Zumutung.

Trotzdem hat man bei jedem Bewegen gemerkt, wie sie immer mit der Zeit besser wurde. Die ersten 5 Minuten waren gruselig, dann irgendwann kam der Punkt, an dem sie so langsam merkte, das sie ja doch laufen kann, bis man dann an dem Punkt ankam, an dem sie über ihrem eigenen Schweinehund drüber war und fröhlich bockend über den Platz fegte. Aber obwohl sie am Ende immer Spaß hatte, ging dasselbe Spiel am nächsten Tag wieder von vorne los.

Ich habe sie also jeden Tag aufs Neue aus ihrer Komfortzone geholt oder eben das, was sie damals als Komfortzone empfand. Wenn mir jetzt jemand am Anfang des Laufenlassens zugeschaut hat, fragte man mich: ” Warum tust du das dem Tier an?”, wenn man sich 20 min. Zeit genommen hat und gewartet hat, was daraus wird, stellte sich die Frage nicht mehr.

Daran sieht man aber auch wieder, dass manche Bilder Momentaufnahmen sind, und ohne, dass wir die Hintergründe kennen steht es uns nicht zu darüber zu urteilen.

Bei uns ging das dann irgendwann weiter. Nach dem Freilaufkampf ging es wieder an das Reiten.

Dasselbe Spiel ging los. Ginny trabte teilweise nicht mal an. Aber das kannten wir ja schon. Die ersten 10 min waren immer schwierig. Ginny sah ihre Komfortzone einfach woanders als wir. Trotzdem war ich immer der Meinung, solange es mit der Zeit besser wird, werde ich sie immer weiter überreden, sich zu bewegen. Hätte ich das Gefühl gehabt, sie kann das nicht, hätte ich das natürlich nicht getan, aber sie konnte sehr wohl, sie lief dann auch immer gut, man musste nur erstmal an den Punkt kommen. Und das jeden Tag aufs Neue.

Die Komfortzone verlassen, Ginny motivieren, und ihr immer wieder zeigen, dass sie vieles sehr wohl kann, es aber einfach probieren muss.

Dabei entstanden dann diese Bilder, in denen man sie gefordert hat sich zu bewegen, sie das aber, wie man an ihrem Gesichtsausdruck sehen kann, nicht ganz freiwillig gemacht hat. Es fiel ihr schwer über ihren Schatten zu springen, sie hatte einfach für sich selbst beschlossen, dass Laufen ziemlich doof und viel zu anstrengend ist, auch wenn gesundheitlich überhaupt keine Gründe mehr dafür vorlagen.

Es gab aber eben auch diese Bilder, in denen sie mal wieder nicht bereit war ihre sich selbst gesetzte Komfortzone zu verlassen und uns erklären wollte, dass sie sich auf gar keinen Fall dazu überreden lassen würde.

Wenn man mal wieder über dem Punkt drüber war, dann sammelte sich sich und hatte wieder Spaß. Trotzdem war es für uns und für sie echt wahnsinnig anstrengend sich jeden Tag wieder aufzurappeln und den Überzeugungsmarathon einzugehen. Manchmal dachte man auch, lassen wir es doch einfach, das wird ja sowieso nichts.

Aber da uns die Alternative fehlte (ich gebe zu, ich war nicht bereit, einen inzwischen 7-jährigen 20 Jahre lang auf einer Rentnerkoppel durchzufüttern) machten wir weiter.

So sah das dann immer am Ende eines Trainings aus. Erstmal dagegen sein, dann ganz langsam in Gang kommen und am Ende dem Paul im Hänger erzählen, wie toll man war. Solange sie nach dem Training diesen Gesichtsausdruck hatte und nicht unglücklicher war als vor dem Training, war mir klar, dass ich als Motivationstrainer mit ihr weiterarbeiten werde.

Inzwischen sind rund 5 Jahre vergangen. 5 Jahre mit Höhen und Tiefen. 5 Jahre mit Zweifeln, ob das alles so richtig ist, was man da macht, ob es Sinn macht ein Pferd immer wieder zu motivieren und immer nach einer Pause praktisch wieder bei Null anzufangen.

Aber am Ende muss ich sagen, es hat sich gelohnt.

Ich musste meine Komfortzone verlassen, ja, ich hätte auch lieber ein Pferd gehabt, das aus der Box kommt und freudig mitarbeitet, von Anfang an losspurtet, immer Spaß an dem hat, was wir das gerade tun, aber so war es eben nicht. Egal, was man mit ihr gemacht hat, es war immer anstrengend.

Sei es an einem Tag nur den Hof zu verlassen, was sie nicht wollte, sei es eine neue Situation, die ihr im Gelände begegnete, die sie sofort zum “zumachen” brachte, sei es nur das antraben auf einem unebenen Feldweg, das sie vor größte Überwindung stellte, irgendwie war nichts einfach, so wie man es sich in der heilen Instagramrosaponywelt vorstellt.

Aber irgendwie hat es dann doch irgendwann “klick” gemacht. Das waren die Gedanken, die mir gestern durch den Kopf gingen, als ich sie geritten habe. Ginny ist inzwischen 10 Jahre alt, wir sprechen also von rund 5 Jahren, die wir uns durchbeißen mussten. Es war nie so schlecht, dass man hätte aufgeben müssen, aber eben auch nicht so gut, dass es einfach gegangen wäre.

Ginny hat es scheinbar geschafft. Im Verlauf des letzten Jahres hat sie sich zu einem selbstbewussten Pferd entwickelt, dass wie man auf dem ersten Stoppelfeldbild sieht, sich noch nicht immer ganz sicher ist, ob sie das jetzt wirklich will, aber dann, wenn sie sich traut, voll dabei ist und merkt, dass es tatsächlich auch Spaß machen kann, was der Reiter da von ihr will.

Und genau das war wohl unser Punkt. Das fehlende Selbstbewusstsein. Ginny hat einfach nicht an sich geglaubt. Wenn man ihr Verhalten auf den Menschen überträgt, so dachte sie immer: ” Ich kann das nicht, lass mich in Ruhe” Dadurch, aber dass wir sie immer und immer wieder überredet haben, Sachen, von denen sie denkt, dass sie sie nicht kann, doch zu probieren und versucht haben jede Trainingseinheit positiv zu beenden

( und sei es nur der Galopp auf einem Stoppelfeld) hat sie inzwischen ihr Selbstbewusstsein wiedergefunden, und arbeitet mit.

Aus diesem neuen Lebensgefühl, das sie anscheinend hat, ist ein anderes Pferd geworden. Auch, wenn die Aufgaben, die wir momentan an Ginny stellen immer noch klein sind, so wächst sie doch täglich an ihren Erfolgen und kurz nachdem man sie nach einer Trainingseinheit in die Box gestellt hat, steht sie schon wieder mit gespitzten Ohren und glänzenden Knopfaugen bereit und erwartet, dass es weitergeht.

Ja, wenn ich mir die aktuellen Bilder so anschaue, dann hat es sich für uns und Ginny gelohnt die anscheinende Komfortzone zu verlassen, mit winzig kleinen Schritten ( 5 Jahre sind ja keine kurze Zeit) immer wieder einen Schritt weiterzugehen, trotz Schweirigkeiten immer an seine Arbeit zu glauben und irgendwann das Ergebnis zu haben, dass wir momentan täglich mit Ginny erleben dürfen.

Natürlich, das darf nicht unerwähnt bleiben, war es immer oberste Priorität, dass Ginny das alles gesundheitlich leisten kann. Sie war die gesamte Zeit über, und ist es immer noch, unter ständiger tierärztlicher und physiotherapeutischer Kontrolle, sie ist futtermäßig optimal eingestellt, und wenn ein Problem auftritt, wird immer erstmal abgeklärt, ob sie Schmerzen hat.

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